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Wir geben den Afrikanern eine Stimme

mit Robin Anne Bah und Saidu Bah
von A-U Headquarter Berlin – Afrikanische Literatur, Kleidung & Kunst

Saidu Bah Robin Anne Bah

Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-Stunden-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.

Das A-U Headquarter ist ein internationaler Treffpunkt, ein Ort, an dem diskutiert wird, Kooperationen entstehen, ein Ort, an dem Lesungen, Filmvorführungen, Theateraufführungen und Ausstellungen von afrikanischen AutorInnen, FilmemacherInnen und KünstlerInnen stattfinden. Ins Leben gerufen wurde dieser Ort der Begegnung von Büchern und Menschen im November 2007, von Saidu und Robin Anne Bah, einer afrikanisch-deutschen Partnerschaft. Der Laden befindet sich in Nord-Neukölln an der Karl-Marx-Straße, mitten in der afrikanischen Community und gleichzeitig auch am Rande des neuen Künstler- und Studentenviertels.

Afrika ist ein großer Kontinent mit vielen unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Die afrikanische Community in Neukölln ist dementsprechend kein einheitliches Gebilde. Spielt das innerhalb der Community eine Rolle oder verstehen sich die verschiedenen Gruppen in erster Linie als Afrikaner?

Robin Bah: Ich denke, es gibt schon große Unterschiede, erstmal zwischen anglophonen und frankophonen. Unter Westafrikanern gibt es bestimmte Verbindungen untereinander, aber dieser Ort hier versucht gerade, alle zusammen zu bringen. Kneipen, Diskotheken und Restaurants sind eher getrennt nach nationalen und ethnischen Gruppen. Dort geht es um die Spezialitäten einzelner Länder. Das betrifft in der Regel auch die kulturellen Aktivitäten.

Es war also schon so gedacht, dass das A-U Headquarter die verschiedenen Nationalitäten zusammenbringt?

Robin Bah: Ja, deshalb haben wir den Laden auch A-U Headquarter (A-U steht für African Union) genannt, um die Leute zu animieren, und deutlich zu machen: jeder ist herzlich willkommen, jeder Afrikaner, aber auch jeder andere. Und es ist auch so, dass Leute aus verschiedenen Ländern herkommen. Wir hatten eine Diskussionsgruppe, da waren Afrikaner aus allen Ländern vertreten, anglophone sowie frankophone und das war sehr spannend. Mein Mann und ich wir sprechen beide englisch und französisch und das ist sehr hilfreich.

Was war die ursprüngliche Absicht das A-U Headquarter zu gründen?

Robin Bah: Das waren vor allem die Bücher. Autoren aus allen afrikanischen Ländern sind hier mit ihrer Literatur zu finden und sie sprechen für sich. Sie geben den Afrikanern eine Stimme, wo sonst meistens über Afrikaner gesprochen wird.

In einem Bezirk mit Menschen aus über 165 Nationen kann man nur friedlich miteinander leben, wenn man ein gewisses Maß an Toleranz mitbringt. Das funktioniert ja im Großen und Ganzen ganz gut. Aber genügt das auch, um sich in der “zweiten Heimat” angenommen zu fühlen?

Robin Bah:Ich denke, dass sich die Afrikaner in Neukölln schon angenommen fühlen. In Neukölln und in Wedding. Hier gibt es ja eine große afrikanische Community und das Verhältnis zu den umliegenden Türken ist sehr gut im Unterschied etwa zu Kreuzberg.

Im Zusammenhang mit Neukölln spielt der Begriff “Integration” in den Medien zurzeit eine zentrale Rolle. Was versteht Ihr denn unter Integration und welche Rolle spielt dabei die Kultur?

Robin Bah: Integration verstehe ich, als ehemalige Flüchtlingsberaterin und jetzt Sprachrohr für verschiedene Menschen, als ein Geben und Nehmen von Kulturen. Das heißt, die Leute, die herkommen und die schon hier sind geben etwas rein in den großen Topf und dann sieht man, was brauchbar ist. Menschen aus anderen Ländern empfinden bei den Deutschen durchaus auch Defizite, wo sie von anderen Kulturen lernen könnten. Aber das Interesse ist ja auch da. Zu uns kommen viele Deutsche und andere Europäer, um sich über Afrika zu informieren und viele sind Fans von afrikanischer Literatur. Insofern denke ich, dass der Begriff “Integration” in den Medien oft falsch benutzt wird. Man tut so, als wäre Deutschland der Nabel der Welt und wir würden alles richtig machen und die anderen müssten auf unsere Stufe kommen.

Habt Ihr das Gefühl, dass der afrikanischen Kultur mittlerweile mit mehr Respekt begegnet wird?

Robin Bah:Ja, auf jeden Fall. Man merkt es an den Publikationen über Afrika. Wenn man vergleicht, was früher veröffentlicht wurde und was zurzeit veröffentlicht wird. Da hat sich viel verändert, wobei auch einiges verschleiert wird. Es gibt jetzt eine neue Bewegung, die besagt, das Afrikabild muss verändert werden. Da muss man genau hinsehen, was da für Mechanismen wirken. Ob da wirklich ein neues Bild zu erkennen ist.

Kurze Unterbrechung des Interviews. Saidu Bah, Inhaber des A-U Headquarter kommt dazu und beteiligt sich an dem Gespräch.

Saidu Bah: Ich möchte wissen, warum alle über Afrika reden wollen. Ich sehe keine Anstrengungen von deutscher Seite, sich in Afrika wirklich zu engagieren.

Wir reden hier jetzt nicht über Afrika. Wir kommen aus dem kulturellen Bereich und uns interessiert, wie Einwanderer aus Afrika sich in Neukölln fühlen, ob sie sich respektiert fühlen.

Saidu Bah: Sie fühlen sich so wie jeder Fremde. Als Fremder, egal ob du aus Indien, Afrika oder sonst woher kommst bist du eingeschränkt in deinen Möglichkeiten. Menschen die studiert haben, arbeiten in der Gastronomie oder als Reinigungskräfte, hoffen vergeblich, dass sie irgendwann einen besseren Job bekommen.

Sicher gibt es da viele Probleme. Viele Einwanderer haben ihre Heimat nicht verlassen, weil sie wollten, sondern aus existenziellen Gründen. Was uns vor allem interessiert ist die Frage, was helfen kann, sich ein Stück weit heimischer zu fühlen, auch wenn das Mutterland die eigentliche Heimat bleibt. Was können wir zusammen tun, um hier friedlich miteinander zu leben?

Saidu Bah:Wenn man sich umschaut auf der Welt – die Perspektiven für schwarze Einwanderer sind sehr schlecht in Deutschland. Sie bekommen keine Chance. Es gibt kein Gesetz, das die Beschäftigung von schwarzen Einwandern fördert. Wenn Ihr Afrika helfen wollt: Wir haben viele Intellektuelle, die Bücher schreiben, die wir hier verkaufen. Mir würde es helfen, wenn man mich unterstützen würde, das hier aufzubauen. Aber dann heißt es: Der Mann braucht Geld. Natürlich brauche ich auch Geld. Ich muss mir was zu essen kaufen können. Aber mit dem Laden möchte ich vor allem etwas entwickeln, das den weißen Menschen einen neuen Blick auf Afrika ermöglicht. Wenn die Menschen an Afrika denken, dann denken sie vor allem an Hunger. Die Menschen in Afrika können lesen und schreiben. Wir schlafen nicht in den Bäumen. In den Büchern afrikanischer Autoren findet sich Unglaubliches.

Dann ist also Euer Hauptanliegen, das Afrikabild zu verändern, indem Ihr Menschen mit afrikanischer Literatur in Berührung bringt?

Saidu Bah:Ja. Und die Treffen für Afrikaner zu organisieren, um sich auszutauschen. Jeder bringt eigene Standpunkte ein. Kunden, die reinkommen sind überrascht über die Vielzahl afrikanischer Autoren. Aber leider gibt es in diesem Land keine Unterstützung für Menschen, die so was aufziehen, die sich engagieren. Man muss die Bücher kaufen, die Ladenmiete bezahlen.
Ich sage euch, was ich mir wünsche: Ich wünsche mir Geld, um das hier zu einem kulturellen Zentrum weiter zu entwickeln. Aber im Augenblick kämpfen wir um das Überleben des Projekts.

Robin Bah:Wir haben schon drei Kündigungen bekommen.

Saidu Bah: Die Miete ist zu teuer, obwohl sie günstig ist, können wir sie uns nicht mehr leisten.

Ihr würdet Euch also eine finanzielle Förderung wünschen?

Robin Bah:Wir haben ohne viel Kapital angefangen und mussten einen Kredit aufnehmen. Eine Förderung würde uns helfen, dass wir einfach mal ohne Schulden sind, um dann aus eigener Kraft weiter zu machen. Diese Chance finde ich wichtig, weil solche Orte der Begegnung selten sind. Wir engagieren uns auch andernorts. Gerade haben wir mitgeholfen bei der Einrichtung des “ersten afrikanischen Leseraums” in Berlin im Afrika-Medien-Zentrum in Wedding. Das Besondere am A-U Headquarter ist, dass wir beide das hier zusammen machen, in Form einer afrikanisch-deutschen Partnerschaft und das dadurch alle integriert sind, sowohl Deutsche als auch Afrikaner und eben alle Afrikaner. Viele wenden sich an uns, um Informationen zu bekommen. Wir hatten auch mal eine Ausstellung von einem südafrikanischen Künstler hier, eine Künstlerin mit marokkanischem Hintergrund hat hier ein Projekt verwirklicht. Wir veranstalten Lesungen. Das ist alles möglich und gewollt. Das Projekt ist gut angelaufen, aber letztlich brauchen wir Geld.

Die 48 STUNDEN NEUKÖLLN sind ein Festival, dass unter anderem den Raum dafür schaffen will, dass sich Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen begegnen und austauschen können. Wie habt Ihr persönlich das Festival in letzten Jahren erlebt? Habt Ihr das Gefühl, dass das Festival neue Leute herbringt?

Robin Bah: Im letzten Jahr haben wir einen Film gezeigt, der war klasse und wir waren auch ziemlich gut besucht. Es war ein Film, den ein afrikanischer Flüchtling gemacht hat und das Interesse war ausgesprochen groß. Die Leute kamen noch nachts hier rein und haben sich informiert. Dieses Jahr war nicht so viel los, aber wir haben auch nicht so viel Energie gehabt, das zu lancieren. Vielleicht hat es daran gelegen. Generell kommen die meisten Leute über Mundpropaganda zu uns. Die öffentliche Wahrnehmung ist gar nicht so das Problem. Der Laden würde sich selbst tragen, wenn wir nicht die Schulden hätten. Jetzt haben wir durch die Neuregelung, dass das QM bei Anträgen ab Tausend Euro eine Ausschreibung machen muss, ein großes Projekt verloren. Wir haben einen Film über Afro-Deutsche im Kiez machen wollen, mit einem Afrikaner, der Filmemacher ist und auch hier im Kiez wohnt und dann haben zwei Europäerinnen die schon auf der Berlinale waren, das Projekt bekommen. Bei der Vergabe wurde mal wieder nicht berücksichtigt, dass die Afrikaner selbst sprechen wollen. Es ist doch was ganz anderes, wenn ein Afrikaner einen Film über Afrikaner macht. Der hat doch eine ganz andere Perspektive. Ja, schade.

Da wären wir dann wieder beim Ausgangspunkt. Euch geht es darum, dass andere Kulturen für sich selbst sprechen und dass man miteinander ins Gespräch kommt?

Robin Bah: Das ist richtig. Ich möchte aber auch noch mal darauf hinweisen, dass viele Menschen so um Papiere kämpfen müssen, sich in so prekären Lebenssituationen befinden und wirklich nicht das Gefühl haben, sie wären hier erwünscht. Wie kann man von Menschen, die so hart ums Überleben kämpfen müssen, erwarten, dass sie kooperieren und sich integrieren?

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch und drücken die Daumen, dass es mit dem A-U Headquarter weiter geht.

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2 Kommentare zu ~ Wir geben den Afrikanern eine Stimme
  • Charly

    Eigentlich bin ich immer wieder überrascht und sogar gerührt, dass es doch verhältnismäßig viele Menschen gibt, die bereit sind sich zu engagieren, ohne dass dabei der eigene wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund steht. Wenn dem nicht so wäre, wäre der soziale Friede ernsthaft in Gefahr. Diese grundsätzliche Bereitschaft, das soziale Umfeld aktiv mit zu gestalten, könnte meines Erachtens am besten dadurch unterstützt werden, dass man endlich aufhört, Druck auf Menschen auszuüben, die aus unterschiedlichen Gründen auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ keine reale Chance haben. Sollte die Politik ernsthaft daran interessiert sein, das Sozialwesen zu reformieren, z.B. indem man wieder stärker auf die Eigeninitiative der Menschen baut, dann müsste sie zunächst mal eingestehen, dass gar nicht genügend Arbeitsplätze vorhanden sind. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht genügend Arbeit gibt. Ich bin davon überzeugt, dass es so viel zu tun gibt, dass jeder, der das möchte, einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen könnte. Zum Beispiel in den Bereichen Kultur und Soziales. Statt das vorhandene Potenzial anzuerkennen und zu nutzen, schlägt die Politik einen anderen Weg ein, indem sie ein Klima des Gegeneinanders schafft. Wie kann man von Menschen, die permanent abgewertet und als Schmarotzer dargestellt werden, erwarten, dass sie sich für das Gemeinwesen interessieren? Wenn Wünschen etwas ändern könnten, würde ich mir wünschen, dass wir uns endlich für die Einsicht öffnen, dass Ausgrenzungen und die Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen kontraproduktiv und womöglich gefährlicher sind als wir glauben.

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