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Komplex 650

von Dr. Martin Steffens

Rixdorf-Neukölln wird am 26. Juni 2010  650 Jahre alt. Ein Grund für Berlin-Neukölln und seine internationalen Besucher zu feiern, nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Im Rahmen einer breit angelegten Imagekampagne wurde die bevölkerungsreiche Gemeinde 1912 zum ungemein großstädtisch und wohlhabend klingenden Neukölln umbenannt. Beteiligt waren die Stadtverordneten und Kaiser Wilhelm II. Doch die Verbesserung des Rufs war nicht von langer Dauer – inzwischen möchte so mancher Neuköllner längst wieder Rixdofer sein…

Und damit sind wir bereits mitten im Thema der diesjährigen 48 Stunden Neukölln, die unter dem Leitmotiv Erinnern. Vergessen. Bewahren. Verlieren stehen. Ausgehend vom historischen Datum der Ersterwähnung im Jahr 1360, werden sich zahlreiche Künstler besonders dem Thema Erinnerung widmen. Was wollen wir lieber vergessen, an was hätten wir uns gerne erinnert oder an was erinnern wir uns gerne? Wo liegen unsere Wurzeln und kulturellen Bezugsrahmen? Wie geht eine inzwischen mehrheitlich vor dem Hintergrund nichtdeutscher Traditionen sozialisierte Bevölkerung mit der fremden bzw. eigenen Geschichte um? Fiktion und historische Analysen gehen dabei mit theoretischen und psychologischen Erklärungsmodellen einher.

650 Jahre Rixdorf-Neukölln

Höhepunkte des Festivals, zu dem voraussichtlich wieder mehr als 250 Veranstaltungsorte über 500 kulturelle und künstlerische Aktionen anbieten werden, ist eine Doppelausstellung im Alten Museum Neuköllns. Das (Heimat)Museum Neukölln zieht zum Mai 2010 auf den Gutshof Britz um. Das leerstehende, selbst von vergangenen Erinnerungen an das Erinnern auratisch erfüllte Gebäude, wird als Ort von zwei großen Ausstellungen und zahlreichen Begleitveranstaltungen zu erleben sein. Urban Memories umfasst dabei Positionen internationaler Künstler, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte mit dem Prozess des Erinnerns beschäftigen. Hier wird besonderer Wert auf die Beteiligung von Menschen (Anwohnern, Schülern, Vertreter spezieller Zielgruppen) an Entstehungsprozessen von Kunst gelegt. Die Ausstellung Horizonte versammelt dagegen primär Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien und Installationen.

Einen weiteren Höhepunkt bildet die Performance-Reihe 650° auf der Karl-Marx-Straße. Der öffentliche Raum wird hier von Tänzern und Performern erobert, die den belebten Straßenalltag und die abgeschiedenen Idyllen der Hofräume neu interpretieren.

Einen großen Stellenwert haben im Festival auch die Stadtführungen, die das 650.Jubiläum Neuköllns zum Anlass nehmen, unterschiedliche Lebenswelten der Gegenwart und historische Aspekte der Stadtgeschichte zu beleuchten und erfahrbar zu machen. Gerade die Brüche sind es, die die Konstante in der Neuköllner Historie ausmachen und die in unseren Neukölln Safaris eingehend erkundet werden können.

Ein neuer Ort wird in diesem Jahr mit dem Flugfeld des Tempelhofer Flughafens zur Verfügung stehen. Die weite Ebene wird vor allem KünstlerInnen ansprechen, die sich mit Bewegung und raumgreifenden Kunstformen auseinandersetzen.

Insgesamt werden Aspekte des Erinnerns und Vergessens von zentraler Bedeutung sein. So etwa in einem Theaterstück über Demenz oder in Bezügen auf die Lokalgeschichte, sie reichen von komplexen künstlerischen Verarbeitungsprozessen bis hin zur visionären Erinnerung an die Zukunft.

Neukölln wird sich bereitwillig entdecken und erobern lassen. Viele private und öffentliche Orte laden neugierige Besucher ein, in die Kunst- und Lebensrealität des sich stetig neu erfindenden Stadtteils einzutauchen. In Nord-Neukölln bietet sich die wohl einmalige Gelegenheit, gewachsene städtebauliche Strukturen, eine multiethnische Bevölkerung, eine vitale und enorm expandierende Kunstszene an einem Wochenende zu erleben und zu begreifen.

Dr.

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