Veranstalter

Wichtige Partner

Medienpartner

Kinder haben noch Visionen für die Zukunft

Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V.

Kulturbewegt e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, den es seit 2006 gibt. Im Mittelpunkt steht die kulturhistorische und interkulturelle Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen. Der Verein konzipiert und realisiert Ausstellungen, museumspädagogische Angebote und qualifiziert AnwohnerInnen als StadtteilführerInnen in Neukölln („Route44“ und „(Zweite) Heimat Neukölln“) und im Wedding („Route65“).

Wir würden unser Gespräch gerne damit beginnen, dass Ihr Euch kurz vorstellt und beschreibt, was Ihr in dem Verein „Kultur bewegt“ macht.

Gül-Aynur: Ich heiße Gül-Aynur Uzun, bin verheiratet und habe zwei Töchter. Ich arbeite als Stadtteilmutter auf Honorarbasis und ich bin eine der Stadtteilführerinnen in den Projekten „Route44“ und „(Zweite) Heimat Neukölln“. Ich lebe seit über 30 Jahren hier.

Regina: Ich heiße Regina Cysewski, bin 52 Jahre alt und bin in Polen geboren. Ich habe Abitur gemacht und in Polen eine Ausbildung als Reisebürokauffrau abgeschlossen. Ich bin verheiratet und habe einen erwachsenen Sohn, der hier geboren ist. Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland. Ich arbeite auch als Stadtteilmutter und mache außerdem Führungen, die mir viel Spaß machen.

Vielleicht könnt Ihr kurz beschreiben, was Eure Arbeit ausmacht, zum einen als Stadtteilmütter und zum anderen bei den Führungen. Bei den Führungen gibt es ja vermutlich verschieden Schwerpunkte.

Gül-Aynur: Als Stadtteilmütter müssen wir uns die Familien, in die wir gehen selber suchen, indem wir an den Schulen und in KITAS für das Projekt Werbung machen. Ich muss dann mit einer Familie innerhalb eines Monats zehn Themen durchgehen, unter anderem gesunde Ernährung, zweisprachige Erziehung und Sexualkunde. Ich habe aber viel größere Schwierigkeiten, Familien zu finden, als ich gedacht habe. Kein Mensch mag es gerne, wenn sich andere in die Erziehung einmischen. Aber ich schaffe es doch, indem ich auch in Geldangelegenheiten Tipps gebe, z.B. wie man mehr Zuschüsse für die Kinder bekommt. So kann ich die anderen Dingen ganz nebenbei auch noch ansprechen.
Ja, und „Route44“, die Führungen, da habe ich am Anfang gedacht, dass man dafür studiert haben und sich mit Geschichte auskennen muss. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich alles erarbeiten kann. Das finde ich richtig interessant. Ich mache das jetzt seit zwei Jahren und jedes Mal sagen mir die Teilnehmer, dass sie sich gar nicht so für Fakten, zum Beispiel Jahreszahlen interessieren. Die Leute reizt vor allem die Sicht einer Migrantin. Wir hatten in diesem Jahr das Glück, dass wir eine Führung mit dem Kulturstaatssekretär André Schmidt machen konnten. Zuerst war ich nervös, aber als ich über die ersten Generationen von Einwanderern geredet habe, die ersten Leiharbeiter, die hergekommen sind, war er erstaunt und wirklich interessiert. Er hat gesagt, er habe wirklich was dazu gelernt. Das hat mich gefreut.

Regina: Ich arbeite schon seit vier Jahren als Stadtteilmutter und gehöre damit zur ersten Generation und ich bin stolz darauf, weil wir den Familien bei der Integration helfen. Als ich von dem Projekt „(Zweite) Heimat Neukölln“ erfahren habe, war ich so froh und konnte es gar nicht erwarten, die erste Führung zu machen. Ich habe die Ausbildung als Reisebürokauffrau gemacht und das war genau das, was ich schon immer machen wollte. Ich bin glücklich darüber, dass ich in meinem Alter hier in Deutschland noch die Chance dazu bekomme. Meine Tour ist das Böhmische Dorf und dann fahren wir nach Gropiusstadt, wo ich seit 30 Jahren wohne. Bei der zweiten Tour geht es um Einkaufs- und Erholungsmöglichkeiten an der Karl-Marx-Straße.

Was für Erfahrungen macht Ihr bei diesen Kiezführungen? Wie begegnen Euch die Menschen? Mit welchen Erwartungen kommen sie zu den Führungen?

Gül Aynur: Wir hatten einmal eine große Gruppe aus Hessen, das waren Soldaten und meine Kollegin und ich, wir hatten vorher wirklich Angst, dass auch Nazis darunter sein könnten. Die waren dann aber so anders, als wir gedacht hatten. Richtig nett und interessiert. Sie wussten sogar über die Stadtteilmütter in Neukölln Bescheid. Ein anderes Beispiel: Eine Frau, die hier im Rathaus Neukölln arbeitet und in Wannsee wohnt, wurde ständig von ihrer 15jährigen Tochter gefragt, wie sie denn in Neukölln arbeiten könne, mit all den Gangs und so und da hat die Mutter uns gebucht. Die Tochter und eine Freundin haben dann an einer Führung teilgenommen. Man konnte sehen, dass die beiden Mädchen Angst hatten. Die hingen die ganze Zeit eng beieinander und wenn da zwei Jungs vorbei gingen, haben sie uns gefragt, ob das die Gangs sind. Zum Abschluss gehen wir dann immer zum Anatolischen Teehaus und da gibt es dann die Möglichkeit, darüber zu sprechen, wie die Teilnehmer die Führung erlebt haben. Und da haben uns die Mädchen gesagt, dass sie was ganz anders erwartet haben und dass wir ihnen sicher nur die guten Seiten von Neukölln gezeigt hätten. Und da habe ich ihnen gesagt, dass ich seit 30 Jahren hier wohne und eine Tochter in ihrem Alter habe und dass wir noch nie Probleme mit Gangs hatten. Und meine Tochter geht auch aus und trifft sich mit Freunden. Die beiden Mädchen waren richtig schockiert, dass sich das was sie von Neukölln gesehen hatten, so sehr von dem Bild unterscheidet, das sie aus den Medien kannten. Wir haben eigentlich ständig mit Menschen zu tun, die wegen der Berichterstattung in den Medien neugierig sind und herkommen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Und die sind immer überrascht, weil sie das, was sie sehen nicht erwartet haben.

Regina: Ich bin noch relativ neu dabei, aber bei allen Touren, die ich bisher gemacht habe, war die erste Frage, ob Neukölln denn nun so wäre, wie in den Medien beschrieben. Vor allem wollen die Menschen wissen, ob es wirklich so gefährlich ist, hier zu leben. Und das muss ich natürlich verneinen. Was das Publikum betrifft, so sind das Deutsche, aber auch viele Menschen mit Migrationshintergrund. Ich hatte zum Beispiel eine Gruppe von Menschen, die aus Polen stammen. Das hat mich natürlich besonders gefreut. In den Gruppen sind manchmal bis zu 20 Leute. Am Anfang war ich ziemlich aufgeregt, aber mit jeder Führung fühlt man sich sicherer und man lernt selbst ständig dazu und kann mehr erzählen. Die Menschen sind durchweg zufrieden, weil sie so viel über das Leben hier erfahren. Sie finden es spannend, Neukölln mit unseren Augen zu sehen.

Habt Ihr Euch selbst bei Eurer Arbeit in Neukölln auch noch mal neu entdeckt?

Gül Aynur: Bei jeder Führung lerne ich auch von den Menschen und deshalb kann ich schon sagen, dass ich auch Neues entdeckt habe. Ich erzähle den Menschen auch wie ich die Veränderungen in Neukölln erlebt habe. Ich habe seine Glanzzeiten gesehen und den Niedergang und jetzt geht es wieder bergauf. Ich lebe ja mit diesen Veränderungen.

Regina: Ich lebe in Gropiusstadt, aber ich bin früher sehr oft nach Nord-Neukölln gefahren, weil es hier die großen Kaufhäuser gab. Ich wusste aber gar nicht, was sich hinter den Fassaden verbirgt, dass da noch Höfe sind. Ich kannte Neukölln eigentlich nicht so gut. Ich war mal beim einem Ausflug zum Böhmischen Dorf dabei, aber das war alles. Deshalb fand ich die Schulungen vom Kulturamt so spannend und ich war selbst sehr überrascht, dass es
in Neukölln so schöne Orte gibt. Als ich nach Berlin kam, wusste ich gar nichts über Neukölln. Weder Gutes noch Schlechtes. Ich bin hier hergekommen, weil meine Familie und Bekannten hier lebten und ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Zurzeit scheint es ja in den Medien nur ein Thema zu geben und zwar das Thema Integration mit all seinen Facetten. Wie geht es Euch persönlich mit der Diskussion. Fühlt Ihr Euch persönlich angegriffen?

Gül Aynur: Wir werden seit 50 Jahren angegriffen. Wenn ich sehe, wie Herr Seehofer oder Frau Merkel über das Thema reden – ich habe gerade eine Rede von Frau Merkel vor der Jungen Union gesehen – ja da habe ich das Gefühl, dass das eine gefährliche Politik ist. Von Frau Merkel wurde viel erwartet, aber jetzt ist sie nicht mehr so beliebt und wird sehr angegriffen. Deswegen hat sie sich das Thema Integration ausgesucht, weil sie da viel Zustimmung erwartet. Anders als bei der Frage der Atomkraft und den Diskussionen über Hartz IV, die Armut in Deutschland und unser Bildungssystem. Ich lebe ja schon lange hier und habe beobachtet, dass das regelmäßig geschieht. Das Thema „Ausländer“ ist ein Köder, wenn die allgemeine Situation problematisch ist. Und das funktioniert. Wir sind Menschen und wir sind vergesslich. Wir haben sogar vergessen, dass sie während der Europameisterschaft die Steuern erhöht haben, als alle in euphorischer Stimmung waren. Man muss sehr vorsichtig sein. Wir haben Mölln noch nicht vergessen. Wir brauchen eine politische Führung, die nicht versucht die Menschen in dieser Weise zu lenken. Ok, Integration. Ich bin integriert. Schon seit Jahren.

Wenn Du sagst, dass Du integriert bist, was bedeutet das für Dich? Meinst Du damit, dass Du dich hier wohl fühlst, dass das hier Deine Heimat ist? Wir versuchen ja herauszufinden, was verschiedene Menschen unter Integration verstehen.

Gül Aynur: Ich weiß nicht, was die Leute wollen. Wollen sie, dass ich europäisch aussehe, dass ich europäisch denke, dass ich zuhause europäisch bin, meine Kinder europäisch erziehe? Was ist das – Integration? Wenn das die Punkte sind, dann bin ich integriert. Bei der Frage nach der Heimat kann ich weder nein noch ja sagen. Wir aus der vierten Generationen stehen dazwischen. Wir sind auch nicht wie die Türken in der Türkei. Wir sind ein eigener Stamm geworden. Ehrlich gesagt, es fehlt mir eine klare Ansage, was genau man von uns erwartet. Sollen sie doch sagen, was sie wirklich wollen. Ist es Integration, kein Kopftuch zu tragen? Wenn es das ist, dann sollen sie ein Kopftuchverbot im Schulgesetz festschreiben. Das ist dann etwas, woran man sich halten muss. In der Türkei dürfen die Kinder kein Kopftuch tragen. Das hat Atatürk ins Grundgesetz aufgenommen. Manchmal empfinde ich Deutschland als meine Heimat. Meine Kinder sind hier geboren und sie werden hier bleiben, weil das ihre Heimat ist. Mein Mann arbeitet in einem türkischen Betrieb im Maschinenbau mit 150 Beschäftigten. Das ist ein Betrieb von tausenden. Die türkischen Einwanderer zahlen sehr viel Steuern an den deutschen Staat. Aber wenn ich zur Ausländerbehörde gehe, werde ich behandelt wie der letzte Dreck. Und dann sind da noch die Schwierigkeiten mit meinem Aufenthaltsstatus. Das ist eine lange Geschichte. Ich wurde damals nicht gut aufgeklärt und jetzt muss ich jedes Jahr eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Wenn es so dargestellt wird, als wäre es leicht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, dann stimmt das nicht. Ich fühle mich hier nicht willkommen und dann sage ich mir, dass ich trotz allem nicht hier her gehöre.

Noch einmal die Frage, auch an Dich Regina: Wie fühlst Du Dich angesichts der Diskussion, auch wenn die Angriffe ja sehr stark in Richtung Türken gehen?

Regina: Mich ärgert das. Ich bin ja auch Migrantin und auch wenn andere angegriffen werden, fühle ich da sehr stark mit. Ich finde, Sarrazin hat die Menschen beleidigt und damit schafft man keine gute Stimmung unter der Bevölkerung. Die Menschen bräuchten einfach mehr Chancen, Ausbildungsplätze für Jugendliche und dann auch entsprechende
Arbeitsplätze. Beschimpfungen bringen nichts. Ich persönlich hatte nicht so große Probleme, weil ich als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen bin und aufgrund der Abstammung die Erlaubnis habe. Ich fühle mich integriert. Aber es gibt auch Enttäuschungen. Ich habe, gleich nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, einen sechsmonatigen Sprachkurs besucht und mich zur Bürokauffrau umschulen lassen und dann bin ich sofort arbeiten gegangen. Ich habe 20 Jahre im Einzelhandel gearbeitet. Das war eine gute Zeit. Trotzdem habe ich nicht erreicht, was ich mir gewünscht habe. Ich wäre gerne Filialleiterin geworden. Ich hatte alle Qualifikationen und auch die nötige Erfahrung für die Position. Ich habe meine Chefin monatelang vertreten, als sie krank war. Dass ich nie Filialleiterin geworden bin hat eindeutig mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Das hat mich schon geärgert.

Eine Frage noch, zum Abschluss unseres Gesprächs: Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft? Seht Ihr für Euch eine Zukunft in Deutschland und wenn ja, wie sollte die aussehen, wenn Ihr Euch was wünschen dürftet?

Regina: Ich würde mich freuen, wenn wir in Ruhe weiter hier leben könnten. Wenn ich dann auch noch eine Arbeit finden würde, dann wäre ich glücklich. Ich fühle mich hier in Deutschland wohl, obwohl ich oft nach Polen reise und manchmal auch hin- und her gerissen bin. Viele Polen gehen zurück, aber ich muss sagen, ich bin seit 30 Jahren hier und mir schmeckt das Brot in Deutschland besser. (sie lacht)

Gül Aynur: Es gibt solche und solche Menschen. Ich will nicht mit anderen in einen Topf geworfen werden. Das ist meine Bitte an die Politiker. Mein Traum wäre, dass ich hier erwünscht bin. Wenn ich akzeptiert werde, dann bin ich relaxt und dann spüren das auch meine Kinder. Die Kinder sind Deutsche mit türkischen Wurzeln. Meine Tochter hat andere Vorstellungen als ich. Kinder haben noch keine Nationalität. Sie haben auch keine Probleme mit der Ausländerbehörde. Sie haben Visionen für die Zukunft, aber durch die gegenwärtige Diskussion werden die Kinder verunsichert. Da muss man wirklich aufpassen.

Wir bedanken uns bei Euch beiden für das Gespräch.

Digg This
Reddit This
Stumble Now!
Buzz This
Vote on DZone
Share on Facebook
Bookmark this on Delicious
Kick It on DotNetKicks.com
Shout it
Share on LinkedIn
Bookmark this on Technorati
Post on Twitter
Google Buzz (aka. Google Reader)
Schreiben Sie einen Kommentar!

 

 

 

FB-Fanpage – Werde Fan!

Festival-Gruppe auf Facebook

Feeds


© Kulturnetzwerk Neukölln e.V. Alle Rechte vorbehalten.