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Ich wollte immer schon hören, was die Erde mir zu sagen hat

Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kischning vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V.

Li Koelan wurde in den Niederlanden geboren. Sie studierte von 1981 bis 1986 Malerei und Skulptur an der Hochschule für Bildende Künste St. Joost in Breda. Li Koelan wohnte und arbeitete neun Jahre in Antwerpen und seit 1999 ist Berlin mehr oder weniger ihr „Zuhause“.  Sie sagt über sich selbst: „Mein Leben ist eine Seite aus einem immens großen Buch. Ich kann einfach nicht aufhören, dieses Seite zu lesen beziehungsweise sie zu entziffern. Obwohl ich mittlerweile jeden einzelnen Buchstaben kenne, sind die Sätze immer noch wie brüchige Fäden in einem unzugänglichen Gewebe.“ Sie versucht, dieses Chaos in eine Form zu bändigen. Dabei spielt ihr Beruf als Künstlerin die Hauptrolle. Oft gibt Li Koelan ihren Arbeiten und Projekten letztendlich einen Platz innerhalb einer mehr spezifischen Kollektion. Sie betreibt in der Weichselstraße 52 in Neukölln die kleine Galerie „Kunstraum Art-Uhr“.

Li Koelan, abgesehen davon, dass Du Niederländerin bist und seit neun Jahren überwiegend in Berlin lebst, hat Dein Projekt „Die Erde ist unteilbar“ sehr viel mit dem Thema „Integration“ zu tun. Bevor wir über dieses Projekt reden, zuerst die Frage: Wie ergeht es Dir mit Deinem Migrationshintergrund hier in Berlin und was verstehst Du persönlich unter dem Begriff „Integration“?

Li Koelan: Ich habe an der Akademie der Künste in den Niederlanden studiert und war 1982 im Rahmen eines Studentenaustauschs in Berlin, wo ich bereits nach ganz kurzer Zeit das Gefühl hatte: „Hier wohne ich! Hier bin ich zuhause!“ Das hatte paradoxerweise ganz viel mit dem Krieg zu tun, denn in meiner Familie ist sehr viel darüber gesprochen worden und Geschichte hat mich sowieso immer sehr interessiert. Hier in Berlin wurde die Historie für mich konkret: das war kein Film mehr, kein Buch – die Einschusslöcher in den Wänden der Häuser waren Realität. Die Auswirkungen des Krieges sind immer noch deutlich zu sehen. Das hat mir einerseits Angst gemacht, aber eben auch das Gefühl gegeben, dass ich hierhin gehöre. Bis zu meinem endgültigen Umzug nach Berlin sollte es aber noch eine Weile dauern. Ich habe in den Niederlanden neben Malerei noch Skulptur studiert und meine Abschlussarbeit 1986 hatte die Berliner Mauer zum Thema. Mein ehemaliger Professor hat damals schon zu mir gesagt: „Li, die Mauer wird fallen!“ Ich habe ihm nicht geglaubt, aber drei Jahre später war sie weg. 1999 zog ich nach Berlin und mein erster Eindruck war damals, dass die Berliner „sehr schnell mit dem Mund sind“ was sich für mich oft respektlos anfühlte.  Der Alltag war anders als in den Niederlanden und Antwerpen; ich war am Anfang nicht ganz sicher, ob es mir hier wirklich gefällt. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten mit der Mentalität der Berliner. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und kann darauf reagieren. Ich habe einfach gemerkt, dass es ein großer Unterschied ist, ob man in einem Land zu Besuch ist oder dort lebt.

Wo wir gerade bei den Unterschieden sind: Du hast ein Projekt mit dem Titel „Haar“ entwickelt. Damit hattest du hier erhebliche Schwierigkeiten. Welche waren das genau?

(Zum besseren Verständnis: im Niederländischen bedeutet das Wort „haar“ sowohl „Haar“ als auch „sie“. Das Kunstprojekt wird auf der Homepage der Künstlerin dokumentiert)

Li Koelan: Ich habe die Ausstellung „Haar“ mit dem Untertitel  „meine Hand mein stillstes Wort“ 1996 in den Niederlanden an verschiedenen Orten gezeigt. Anschließend wanderte sie nach Antwerpen und Brüssel. Das war schon ein interessantes Projekt, zumal es nicht in erster Linie um Haare an sich ging, sondern um die Begrifflichkeit. Ich habe diese Ausstellung hier in Berlin dann ein paar Kuratoren gezeigt, die sie mit den Worten „das hat überhaupt nichts mit Kunst zu tun“ brüsk ablehnten. Erst da wurde mir klar, dass man in Berlin beim Anblick der  Materie „Haar“ sofort eine Verbindung zum Holocaust herstellte. Man hat sich sogar damit schwer getan, sich die Fotos anzusehen. Dass ich mit dem Projekt ein Tabu berühren könnte, ist mir vorher gar nicht bewusst gewesen. In den Niederlanden steht der Begriff „Haar“ vor allem für das „Weibliche“. Das war auch der Leitfaden in meiner Arbeit: „Die Haare in meinen Händen“. Statt „sich die Haare zu raufen“, nahm ich mein Los in meine eigenen Hände. Das war etwas ganz Individuelles, etwas, was mit meiner Person zu tun hatte. Ich habe darüber noch mit diversen Kunsthistorikern diskutiert, unter anderem mit einer jüdischen Kuratorin, die mir sagte, dass es die schönste Ausstellung sei, die sie je gesehen hätte. Das hat mich wiederum sehr erstaunt und gefreut. Als ich 2008 diese Räume hier in der Weichselstraße gemietet hatte, wollte ich dann doch herausfinden, welche Reaktionen es in Berlin auf die Ausstellung geben würde. Es gab dann durchweg begeisterte Reaktionen. Für die meisten deutschen Besucher gab es noch immer eine peinliche Verbindung zum Holocaust, aber mit dem wichtigen Unterscheid, dass jetzt doch darüber gesprochen werden konnte.

Wir sind jetzt ein bisschen von unserem Thema abgerückt, deshalb noch einmal die Frage: Was verstehst du persönlich unter dem Begriff „Integration“?

Li Koelan: Dieser Begriff sorgt ja allgemein für eine starke Verwirrung. Deshalb habe ich zuerst bei Wikipedia nachgeschaut, wie das Wort dort definiert wird. Für mich ist dieses ursprüngliche „integer“, hergeleitet aus dem Griechischen, der wichtigste Bestandteil des Begriffs „Integration“. Integer bedeutet „unberührt, unbefleckt, unverdorben, ehrlich“. Im Lateinischen heißt es „integro“ und das bedeutet „Wiederherstellung“. Mir ist aber das griechische Wort „integer“ lieber, weil es souveräner ist. Integer meint: Jeder Mensch ist ein souveränes Individuum. Man muss nichts wieder herstellen, was schon da ist. Um es zusammen zu fassen: „Die Erde ist unteilbar“. Und diese Erde haben wir alle gemeinsam und sie ist letztendlich auch unsere souveräne Verbindung. Deshalb habe ich auch das Projekt „Die Erde ist unteilbar“ konzipiert, das von den „ErdenträgerInnen“ lebt.

Damit sind wir schon mitten in der nächsten Frage: Kannst du uns das Projekt „Die Erde ist unteilbar“ bitte kurz beschreiben und auch erzählen, was du in den letzten zwei Jahren damit erlebt hast?

Li Koelan: Zuerst muss ich voranstellen, dass ich eine sehr starke Verbindung zur Erde habe. Ich habe bereits als Kind mit dem Ohr auf der Erde gelegen, um zu hören, was mir die Erde zu sagen hat. Vielleicht bin ich auch deshalb so erdverbunden, weil meine Großeltern Bauern waren. Als dann 2008 das Festival 48-Stunden-Neukölln unter dem Motto „Humus“ stand und hier in Neukölln so viele Menschen aus verschiedenen Ländern wohnen, kam mir die Idee, Erde aus all diesen Ländern zu sammeln. Zuerst habe ich im Büro für Statistik nachgefragt, aus wie vielen Ländern die Menschen hier in Neukölln stammen. Man war dort sehr kooperativ. Ich habe nicht nur erfahren, dass in Neukölln 160 Nationen vertreten sind, sondern auch wie viele Menschen aus den einzelnen Ländern hier leben und das ist mir sehr wertvoll, weil damit die persönliche Ebene ins Spiel kommt, die im Grunde  für mich die stärkste Kraft ist. Um an die Erde zu kommen, habe ich zuerst Kontakt zu den Migrantenvereinen aufgenommen. Als nächsten Schritt habe ich allen Botschaftern meine Projekt-Idee in einem persönlichen Brief beschrieben. Ich habe ihnen mitgeteilt, mit wie vielen Menschen ihr Land hier in Neukölln vertreten ist und dass ich so genannte „ErdenträgerInnen“ suche. Konkret heißt das: ich möchte Erde aus allen diesen Ländern in Gläsern ausstellen, die die Menschen von einem Besuch aus ihrer Heimat mitbringen. Die erste Reaktion kam aus der Botschaft von Estland: sie fanden die Idee wunderschön, hatten aber ein kleines Problem. Ich hatte die Briefe im März verschickt, deshalb baten sie um etwas Aufschub, weil die Erde in Estland im März noch gefroren ist. Ich geriet so langsam in Panik, weil das Ausstellungsdatum feststand (48-Stunden-Neukölln) und ich wollte doch mindestens 20 oder 30 Gläser mit Erde zeigen. Also bin ich an die Goethe-Institute herangetreten. Auch da war die Resonanz und Ausbeute groß, denn die Direktoren dieser Institute reisen viel, beziehungsweise kommen auch öfter mal nach Berlin. Zur Ausstellungseröffnung im Juni 2008 hatte ich letztendlich 33 Gläser mit Erde aus verschiedenen Ländern. Für die Installation hatte ich zwei große Schränke mit 160 Fächern bauen lassen, damit man auch sah, wie viele Länder noch fehlten. In den Schränken standen dann 33 Gläser mit Erde. Um es kurz zu sagen: die Reaktionen waren überwältigend, die Besucher waren sichtbar gerührt und bis jetzt  bekomme ich immer noch Erde, um das Projekt zu vervollständigen.

Welcher Aspekt dieser Aktion war beziehungsweise ist dir besonders wichtig?

Li Koelan: Mich bewegt vor allem die Möglichkeit, durch ein Kunstprojekt die Aufmerksamkeit auf die eher unauffällige Materie Erde zu lenken, der wir viel zu wenig Beachtung schenken. Damit will ich dazu beitragen, dass wir unserer tiefen Verbindung zu unserem Heimatplaneten neu auf die Spur kommen. Wichtig ist mir vor allem, im Kontakt mit anderen Menschen zu erleben, dass jeder diese Ur-Erd-Verbindung unmittelbar im Herzen spürt. Dabei nimmt die Verbindung zur Heimat-Erde einen besonderen Platz ein. Den darf sie auch einnehmen, ohne dass dadurch die gemeinsame Verbindung gestört wird. Im Gegenteil, durch diese souveräne  Verbindung zur eigenen „Erde“ kann, denke ich, erst ein Gefühl  für die eigene Verantwortung entstehen. Die Erde ist unserer aller Mutter. Leider vergessen wir zu oft, dass wir Kinder der Erde sind und dass die Erde uns die notwendige  lebenspendende Kraft einfach jeden Tag umsonst gibt . Für mich ist das Projekt „die Erde ist unteilbar“  ein gutes Integrations-Vorbild, ohne dass ich das absichtlich so ausgedacht habe, denn es ist viel intuitiver entstanden. Die Einheit der Erde ist das Herz meines Projekts. Es beruht auf der Souveränität jeder einzelnen  ErdeträgerIn. Ich liebe dieses Projekt.

Eine letzte Frage: In den Niederlanden ist es ja ähnlich, da geht auch ein „Rechtsruck“ durch die Bevölkerung. Wie siehst du als Niederländerin die Debatte, die hier zum Thema „Integration“ geführt wird?

Li Koelan: Es wird sicher ganz viel versucht, das ist auch wichtig. In den Niederlanden haben wir durch Herrn Wilders eine konkrete Situation. Aber hier in Deutschland sollte man die Problematik  nicht nur auf Neukölln, beziehungsweise Berlin beschränken. Das Problem besteht, so kommt es mir vor, in ganz vielen europäischen Ländern. Ich denke, das sind so die letzten Krämpfe eines Systems, das zusammen bricht. Dazu gehört auch die Finanzkrise.  Das ganze System kollabiert. Trotzdem müssen wir da irgendwie seriös mit umgehen und müssen Alternativen zu den Polarisierungstendenzen finden. Ich bin davon überzeugt, dass wir als gesamte Menschheit vor einem wichtigen ‚Bewusstseinssprung‘ stehen und dass die Zeit reif ist, unser Bewusstsein zu öffnen für die Einheit der Erde und für den Platz unserer Mutter Erde innerhalb des Sonnensystems. Ich persönlich versuche, so wenig Energie wie möglich in das alte System zu stecken, sondern ich sammle meine Kraft für neue Wege.

Das war ein schöner Schlusssatz und wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

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1 Kommentar zu Ich wollte immer schon hören, was die Erde mir zu sagen hat
  • Angelika Smuda

    Ich finde die Symbolkraft Ihres Projektes sehr schön und bin stolz, dass ich dazu beitragen konnte. Ich hoffe, dass wir alle mit unserer Heimaterde und allem, was sie uns mitgegeben hat, Berlin und Neukölln befruchten, so dass hier viele bunte Gewächse gedeihen können.

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