
Martin Hyun
Interview mit dem deutsch-koreanischen Autor Martin Hyun.
Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-STUNDEN-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Martin Hyun wurde 1979 in Krefeld als Sohn koreanischer Migranten geboren. Er lebt inzwischen in Berlin. 2008 erschien Martin Hyuns Buch „Lautlos ja – Sprachlos nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“, in dem er über die Integrationsgeschichte der Koreaner erzählt. Mit scharfem Blick und viel Humor beschreibt Hyun seine eigene und die Situation seiner Landsleute. Die Mehrheit der Deutsch-Koreaner hat den Wechsel vom Arbeiter zum Akademiker innerhalb nur einer Generation vollzogen. Doch obwohl Deutsch-Koreaner als Musterbeispiel gelungener Integration gelten und alle Kriterien erfüllen, die die Bundesregierung für ein Leben in Deutschland voraussetzt, sind sie ein Beispiel dafür, dass Sprache und höhere Bildung keineswegs Erfolgsgaranten für eine Integration in die Gesellschaft sind. Sein neues Buch „Machtlos ja – Mutlos nein“, welches demnächst erscheint, beschäftigt sich mit den Erfahrungen, die er mit Integrationspolitikern und Regierungsinstitutionen gemacht hat und warum er die Chancengleichheit einfordert.
Es geht uns in dem Festival-Blog um den Austausch der verschiedenen Kulturen, die hier zusammen leben. Die Koreaner werden allgemein gerne als „Generation Musterbeispiel“ innerhalb der Integrationsdebatte angeführt, sicher nicht nur, weil sie ihren Kindern deutsche Vornamen geben. Was würdest du sagen, warum die Koreaner so gut angepasst sind?
Ich glaube, dass es in erster Linie an den Eltern liegt, die sehr viel Wert auf höhere Bildung legen und dass die Kinder Abitur machen. Meine Eltern wussten zum Beispiel gar nichts über das deutsche Bildungssystem als sie hierher kamen. Aber irgendwann hat sich in der Community herumgesprochen, dass das Gymnasium das beste ist und dann mussten alle auf das Gymnasium. Alles was darunter lag, wie Realschule, Gesamtschule oder Hauptschule, war eine große Niederlage. Deswegen wurden alle darauf getrimmt, auf das Gymnasium zu gehen, Abitur zu machen und ein Studium zu beginnen. Ich denke aber auch, das ist die asiatische Kultur in Korea, wie man so schön sagt, die konfuzianistische Prägung, die sehr viel Wert auf die Bildung legt.
Ist es denn so, dass es nicht unbedingt die bildungsfernen Schichten waren, die hierher gekommen sind?
Ja, das stimmt. Es gibt viele, nicht alle, aber die haben in Korea Abitur gemacht, zum Teil auch dort studiert. Nur war Korea zu dem Zeitpunkt sehr arm, Korea hatte den Bürgerkrieg mitgemacht, 1950 bis 1953, dann war das Land in einem politischen Vakuum, beziehungsweise es musste sich neu orientieren. Es gab wenig Arbeitsplätze, so dass sehr viele aus der Generation meiner Eltern nach Deutschland ausgewandert sind, oder auch in andere Länder, wie zum Beispiel in die USA oder nach Kanada. Allerdings mussten sie und auch meine Eltern hier weitaus niedrigere Arbeiten verrichten, die nicht ihrer Qualifikation entsprachen. Mein Vater hat „unter Tage“ im Bergbau gearbeitet und meine Mutter als Krankenschwester, welches ja noch ging, aber „unter Tage“ zu sein stelle ich mir sehr hart vor, gerade als Akademiker.
Wir werfen jetzt einen Blick in deine Kindheit. Wie viel „Deutschland“ war in deiner Kindheit und wie viel „Korea“ oder besser gesagt, wie sah dein Alltag aus? Welchen Stellenwert hat zum Beispiel das Essen?
Frühstück war immer Deutschland, Mittag- und Abendessen waren Korea. Zum Frühstück gab es immer Brötchen, ein Ei und Aufschnitt, aber mittags und abends bestand mein Vater darauf, koreanisch zu essen. Er hat schon sehr gemurrt, wenn es mal deutsches Essen zum Mittag gab. Meine Mutter war da sehr kreativ: manchmal hat sie dann halb deutsch und halb koreanisch gekocht, wie zum Beispiel Schnitzel mit Sojasoße und Tofu zusammen, recht wilde Kreationen. Mein Magen ist dadurch sehr resistent geworden, ich kann praktisch alles essen. Im sonstigen Alltag haben die Eltern natürlich koreanisch gesprochen, aber komischerweise haben wir Kinder auf deutsch geantwortet, das hat sich so eingebürgert. Das gute an diesem Tandem war, dass man alles, was man falsch machte, auf Verständigungsprobleme schieben konnte. Aber unsere Wohnung, das Haus, in dem wir wohnten, das war schon koreanisch. Auch die strikte, konservativ ausgerichtete Erziehung meines Vaters hielt das Korea der sechziger Jahre in seinem Territorium aufrecht. Meine Eltern konnten auch kein Deutsch als sie kamen. Ich hatte zufällig 2005 in Korea die Gelegenheit, in die alten Schulakten meines Vaters zu schauen. Uns hat er immer erzählt, dass er gut war in der Schule und deshalb sollten wir es auch sein. Er hat natürlich nie damit gerechnet, dass ich in seiner alten Schule seine Zeugnisse sehen würde. Er hatte in Deutsch nämlich nur ein „ausreichend“. Die deutsche Sprache war damals in Korea sehr populär, weil der Militär-Diktator Park Chung-hee Deutschland geliebt hat und sogar 1964 bei einem Staatsbesuch zusammen mit Ludwig Erhard ein deutsches Lied gesungen hat. Ich habe meinen Vater gefragt, warum er ausgerechnet in das Land ausgewandert ist, dessen Sprache er so schlecht spricht. Kein Kommentar! Meine Mutter hatte das Glück, das sie im Goethe-Institut in Korea wenigstens ein paar Grundkenntnisse in Deutsch erlernen konnte. Aber eigentlich haben beide erst in Deutschland die Sprache richtig gelernt. Meine Vater lernte deutsch bei seinen Kumpels „unter Tage“. Das waren schon recht deftige Ausdrücke, die er da mit nach Hause brachte.
Du bist ja hier in eine deutschsprachige Schule gegangen. Wie sieht es mit deinem Koreanisch in Wort und Schrift aus?
Bis zu meiner Grundschulzeit war ich sehr gut in Koreanisch und habe auch bis dahin in Krefeld jeden Samstag eine koreanische Schule besucht. Aber dann lies mein Interesse nach, ich bin da nicht mehr hingegangen und mein Koreanisch geriet in totale Vergessenheit. Ich habe erst so mit achtzehn, neunzehn Jahren wieder angefangen, Koreanisch zu reden und zu schreiben. Auch weil mein Vater sich wieder mehr Mühe gab, mir das beizubringen. Nach dem Motto: äußerlich bist du ein Koreaner und es ist peinlich, wenn du nach Korea gehst und die Sprache nicht sprichst. Die Koreaner dort akzeptieren zwar, dass du in Deutschland aufgewachsen bist, aber du musst trotzdem die Sprache sprechen. Ich war bis dahin immer der Meinung, dass ich Hochkoreanisch spreche, bis ich nach dem Abitur nach Amerika kam. Dort habe ich sehr viele Koreaner kennen gelernt, die über mein Koreanisch gelacht haben. Die haben mich dann aufgeklärt, dass ich ein sehr provinzielles, so genanntes Südkoreanisch spreche. Für mich brach damit eine Welt zusammen, da ich außerdem erfuhr, dass meine Vokabeln auch sehr veraltet waren, noch aus der Koloniezeit.
Du bist in Krefeld aufgewachsen, zusammen mit deutschen und auch anderen Nationen. Wie sah dein Freundeskreis aus?
Der war eigentlich total multikulti. In der Grundschule zum Beispiel waren wir gemischt, da waren Italiener, Spanier, Türken und Spätaussiedler. Das waren natürlich auch alles meine Freunde, der Anteil von einheimischen Deutschen war eine überschauliche Gruppe, so etwa drei oder vier. Ich sehe noch unser Klassenfoto vor mir, einer der deutschen Mitschüler sah immer sehr ängstlich aus. Wir hatten damals in Krefeld „Neuköllner Zustände“. Obwohl wir niemals Probleme damit hatten. Wir hatte zum Beispiel auch gemeinsam Sport, die türkischen Mädchen trugen ein Kopftuch, waren aber beim Schwimmen dabei.
Der Begriff „deutsche Leitkultur“ ist ja sehr umstritten. Wir Deutschen selbst wissen ja kaum, was das sein soll. Was verstehst du darunter?
Ich kann mir darunter nichts vorstellen. Hier in Deutschland hat jeder fünfte einen Migrationshintergrund, das heißt er bringt seine Kultur mit ein. Dadurch hat Deutschland sich auch verändert und die deutsche Kultur wurde dadurch auch geprägt. Das Wort „Leitkultur“ ist zuerst von einem deutschen Politiker ausgesprochen worden und wurde jetzt wieder aufgegriffen. Die Politiker geben dieses Schlagwort, aber sie definieren es nicht. Genau deshalb weiß keiner so richtig, was das genau bedeutet. Für mich ist wichtig, dass man im 21. Jahrhundert eine neue Definition findet, was einen Deutschen ausmacht. Darüber müsste man in der Gesellschaft debattieren, schon wegen des demografischen Wandels. Man müsste eigentlich zusammen mit allen, die hier leben, einen neuen Wertekatalog erstellen.
Was glaubst du, woran das liegt, dass unsere Gesellschaft sich so schwer damit tut, Fremde zu akzeptieren und zu tolerieren?
Ich glaube, dass gerade die Menschen, die darüber entscheiden, sehr wenig Berührung mit einem multikulturellen Alltag haben. Ich glaube auch, dass meine Generation, weniger Probleme damit haben wird, wenn sie erstmal in den Führungsgremien sitzen. Aber diejenigen Menschen, die wenig mit der Thematik zu tun haben sind vielleicht nicht unbedingt rechtsextrem geprägt, sie handeln meines Erachtens aus Bequemlichkeit. Sie meinen, sie haben es mit einem optisch deutsch Aussehenden auf kultureller und zwischenmenschlicher Ebene einfacher. Einem asiatisch aussehenden Menschen gegenüber, auch wenn der in Deutschland aufgewachsen ist, ist das Verhalten einfach anders. Aber das können viele Gründe sein, die da zusammenkommen.
Denkst du, dass kulturelle Veranstaltungen zwischen den Kulturen vermitteln können, beziehungsweise auch Ängste nehmen können?
Ich finde die Kultur sehr wichtig, hier in Neukölln beweisen das gerade Veranstaltungen wie 48 Stunden Neukölln, die Brücken bauen können. Gerade in diesem Kiez wird sehr viel getan, um etwas zu bewegen, den Menschen etwas zu vermitteln, so dass man hier auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl verspürt. Gerade die kulinarische Integration, das Essen, das verbindet und zeigt auch, wie sich die deutsche Küche dadurch verwandelt hat. Ich muss allerdings auch einschränken, dass ich nicht die ganze Zeit in Deutschland gelebt habe. Ich war nach dem Abitur sechs Jahre lang in den USA, was mich stark geprägt hat, da ich dort sehr viele afro-amerikanische Freunde hatte, dann war ich kurze Zeit in Belgien und ein Jahr lang in Korea. Meine Erfahrungen in Deutschland waren nicht unbedingt nur positiv, denn als ich Deutschland verlassen habe, zur Zeit der Wiedervereinigung, da passierten die hässlichen Vorkommnisse in Mölln oder Rostock, um nur einige zu nennen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich immer das Gefühl, ich wäre ein Teil von Deutschland, ich wäre ein Deutscher, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt noch keine deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Aber nachdem diese Angriffe auf Ausländer passierten, bin ich auch das erste mal auf der Straße mit den Worten „Verschwinde! Hau ab!“ beschimpft worden. Durch diese Erlebnisse ist etwas in mir zusammengebrochen und ich habe dies erst durch mein Politikstudium in Amerika aufarbeiten können. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich über den Tellerrand hinwegschauen durfte, weil ich wahrscheinlich die tägliche Diskriminierung hier in Deutschland für normal gehalten hätte. Um noch einmal auf das Thema „Integration“ zurück zu kommen: wir übersehen dabei auch immer, dass es sehr viele Deutsche gibt, die wieder in die Gesellschaft integriert werden müssen. Das sind die Menschen, die untertariflich verdienen oder Hartz-IV beziehen, und die dadurch am gesellschaftlichem Leben, wie man so schön sagt, nicht mehr teilnehmen können. Und gerade die Kinder aus diesen unteren Schichten trifft es am härtesten. Und um diese Kinder und auch Schulen zu unterstützen, veranstalte ich in Krefeld zusammen mit meinem ehemaligen Eishockey-Verein, die Krefelder Pinguine, Benefinz-Spiele, deren Erlös dann den Schulen zugute kommt. Und wenn sich die Menschen kulturell und auch sozial so engagieren würden, wie zum Beispiel ihr hier in Neukölln, dann könnten wir gemeinsam den Blick in Richtung Zukunft werfen.
Das ist doch ein schönes Schlusswort und wir bedanken uns für das Gespräch.























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