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Ich wollte immer schon hören, was die Erde mir zu sagen hat

Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kischning vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V.

Li Koelan wurde in den Niederlanden geboren. Sie studierte von 1981 bis 1986 Malerei und Skulptur an der Hochschule für Bildende Künste St. Joost in Breda. Li Koelan wohnte und arbeitete neun Jahre in Antwerpen und seit 1999 ist Berlin mehr oder weniger ihr „Zuhause“.  Sie sagt über sich selbst: „Mein Leben ist eine Seite aus einem immens großen Buch. Ich kann einfach nicht aufhören, dieses Seite zu lesen beziehungsweise sie zu entziffern. Obwohl ich mittlerweile jeden einzelnen Buchstaben kenne, sind die Sätze immer noch wie brüchige Fäden in einem unzugänglichen Gewebe.“ Sie versucht, dieses Chaos in eine Form zu bändigen. Dabei spielt ihr Beruf als Künstlerin die Hauptrolle. Oft gibt Li Koelan ihren Arbeiten und Projekten letztendlich einen Platz innerhalb einer mehr spezifischen Kollektion. Sie betreibt in der Weichselstraße 52 in Neukölln die kleine Galerie „Kunstraum Art-Uhr“.

Li Koelan, abgesehen davon, dass Du Niederländerin bist und seit neun Jahren überwiegend in Berlin lebst, hat Dein Projekt „Die Erde ist unteilbar“ sehr viel mit dem Thema „Integration“ zu tun. Bevor wir über dieses Projekt reden, zuerst die Frage: Wie ergeht es Dir mit Deinem Migrationshintergrund hier in Berlin und was verstehst Du persönlich unter dem Begriff „Integration“?

Li Koelan: Ich habe an der Akademie der Künste in den Niederlanden studiert und war 1982 im Rahmen eines Studentenaustauschs in Berlin, wo ich bereits nach ganz kurzer Zeit das Gefühl hatte: „Hier wohne ich! Hier bin ich zuhause!“ Das hatte paradoxerweise ganz viel mit dem Krieg zu tun, denn in meiner Familie ist sehr viel darüber gesprochen worden und Geschichte hat mich sowieso immer sehr interessiert. Hier in Berlin wurde die Historie für mich konkret: das war kein Film mehr, kein Buch – die Einschusslöcher in den Wänden der Häuser waren Realität. Die Auswirkungen des Krieges sind immer noch deutlich zu sehen. Das hat mir einerseits Angst gemacht, aber eben auch das Gefühl gegeben, dass ich hierhin gehöre. Bis zu meinem endgültigen Umzug nach Berlin sollte es aber noch eine Weile dauern. Ich habe in den Niederlanden neben Malerei noch Skulptur studiert und meine Abschlussarbeit 1986 hatte die Berliner Mauer zum Thema. Mein ehemaliger Professor hat damals schon zu mir gesagt: „Li, die Mauer wird fallen!“ Ich habe ihm nicht geglaubt, aber drei Jahre später war sie weg. 1999 zog ich nach Berlin und mein erster Eindruck war damals, dass die Berliner „sehr schnell mit dem Mund sind“ was sich für mich oft respektlos anfühlte.  Der Alltag war anders als in den Niederlanden und Antwerpen; ich war am Anfang nicht ganz sicher, ob es mir hier wirklich gefällt. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten mit der Mentalität der Berliner. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und kann darauf reagieren. Ich habe einfach gemerkt, dass es ein großer Unterschied ist, ob man in einem Land zu Besuch ist oder dort lebt.

Wo wir gerade bei den Unterschieden sind: Du hast ein Projekt mit dem Titel „Haar“ entwickelt. Damit hattest du hier erhebliche Schwierigkeiten. Welche waren das genau?

(Zum besseren Verständnis: im Niederländischen bedeutet das Wort „haar“ sowohl „Haar“ als auch „sie“. Das Kunstprojekt wird auf der Homepage der Künstlerin dokumentiert)

Li Koelan: Ich habe die Ausstellung „Haar“ mit dem Untertitel  „meine Hand mein stillstes Wort“ 1996 in den Niederlanden an verschiedenen Orten gezeigt. Anschließend wanderte sie nach Antwerpen und Brüssel. Das war schon ein interessantes Projekt, zumal es nicht in erster Linie um Haare an sich ging, sondern um die Begrifflichkeit. Ich habe diese Ausstellung hier in Berlin dann ein paar Kuratoren gezeigt, die sie mit den Worten „das hat überhaupt nichts mit Kunst zu tun“ brüsk ablehnten. Erst da wurde mir klar, dass man in Berlin beim Anblick der  Materie „Haar“ sofort eine Verbindung zum Holocaust herstellte. Man hat sich sogar damit schwer getan, sich die Fotos anzusehen. Dass ich mit dem Projekt ein Tabu berühren könnte, ist mir vorher gar nicht bewusst gewesen. In den Niederlanden steht der Begriff „Haar“ vor allem für das „Weibliche“. Das war auch der Leitfaden in meiner Arbeit: „Die Haare in meinen Händen“. Statt „sich die Haare zu raufen“, nahm ich mein Los in meine eigenen Hände. Das war etwas ganz Individuelles, etwas, was mit meiner Person zu tun hatte. Ich habe darüber noch mit diversen Kunsthistorikern diskutiert, unter anderem mit einer jüdischen Kuratorin, die mir sagte, dass es die schönste Ausstellung sei, die sie je gesehen hätte. Das hat mich wiederum sehr erstaunt und gefreut. Als ich 2008 diese Räume hier in der Weichselstraße gemietet hatte, wollte ich dann doch herausfinden, welche Reaktionen es in Berlin auf die Ausstellung geben würde. Es gab dann durchweg begeisterte Reaktionen. Für die meisten deutschen Besucher gab es noch immer eine peinliche Verbindung zum Holocaust, aber mit dem wichtigen Unterscheid, dass jetzt doch darüber gesprochen werden konnte.

Wir sind jetzt ein bisschen von unserem Thema abgerückt, deshalb noch einmal die Frage: Was verstehst du persönlich unter dem Begriff „Integration“?

Li Koelan: Dieser Begriff sorgt ja allgemein für eine starke Verwirrung. Deshalb habe ich zuerst bei Wikipedia nachgeschaut, wie das Wort dort definiert wird. Für mich ist dieses ursprüngliche „integer“, hergeleitet aus dem Griechischen, der wichtigste Bestandteil des Begriffs „Integration“. Integer bedeutet „unberührt, unbefleckt, unverdorben, ehrlich“. Im Lateinischen heißt es „integro“ und das bedeutet „Wiederherstellung“. Mir ist aber das griechische Wort „integer“ lieber, weil es souveräner ist. Integer meint: Jeder Mensch ist ein souveränes Individuum. Man muss nichts wieder herstellen, was schon da ist. Um es zusammen zu fassen: „Die Erde ist unteilbar“. Und diese Erde haben wir alle gemeinsam und sie ist letztendlich auch unsere souveräne Verbindung. Deshalb habe ich auch das Projekt „Die Erde ist unteilbar“ konzipiert, das von den „ErdenträgerInnen“ lebt.

Damit sind wir schon mitten in der nächsten Frage: Kannst du uns das Projekt „Die Erde ist unteilbar“ bitte kurz beschreiben und auch erzählen, was du in den letzten zwei Jahren damit erlebt hast?

Li Koelan: Zuerst muss ich voranstellen, dass ich eine sehr starke Verbindung zur Erde habe. Ich habe bereits als Kind mit dem Ohr auf der Erde gelegen, um zu hören, was mir die Erde zu sagen hat. Vielleicht bin ich auch deshalb so erdverbunden, weil meine Großeltern Bauern waren. Als dann 2008 das Festival 48-Stunden-Neukölln unter dem Motto „Humus“ stand und hier in Neukölln so viele Menschen aus verschiedenen Ländern wohnen, kam mir die Idee, Erde aus all diesen Ländern zu sammeln. Zuerst habe ich im Büro für Statistik nachgefragt, aus wie vielen Ländern die Menschen hier in Neukölln stammen. Man war dort sehr kooperativ. Ich habe nicht nur erfahren, dass in Neukölln 160 Nationen vertreten sind, sondern auch wie viele Menschen aus den einzelnen Ländern hier leben und das ist mir sehr wertvoll, weil damit die persönliche Ebene ins Spiel kommt, die im Grunde  für mich die stärkste Kraft ist. Um an die Erde zu kommen, habe ich zuerst Kontakt zu den Migrantenvereinen aufgenommen. Als nächsten Schritt habe ich allen Botschaftern meine Projekt-Idee in einem persönlichen Brief beschrieben. Ich habe ihnen mitgeteilt, mit wie vielen Menschen ihr Land hier in Neukölln vertreten ist und dass ich so genannte „ErdenträgerInnen“ suche. Konkret heißt das: ich möchte Erde aus allen diesen Ländern in Gläsern ausstellen, die die Menschen von einem Besuch aus ihrer Heimat mitbringen. Die erste Reaktion kam aus der Botschaft von Estland: sie fanden die Idee wunderschön, hatten aber ein kleines Problem. Ich hatte die Briefe im März verschickt, deshalb baten sie um etwas Aufschub, weil die Erde in Estland im März noch gefroren ist. Ich geriet so langsam in Panik, weil das Ausstellungsdatum feststand (48-Stunden-Neukölln) und ich wollte doch mindestens 20 oder 30 Gläser mit Erde zeigen. Also bin ich an die Goethe-Institute herangetreten. Auch da war die Resonanz und Ausbeute groß, denn die Direktoren dieser Institute reisen viel, beziehungsweise kommen auch öfter mal nach Berlin. Zur Ausstellungseröffnung im Juni 2008 hatte ich letztendlich 33 Gläser mit Erde aus verschiedenen Ländern. Für die Installation hatte ich zwei große Schränke mit 160 Fächern bauen lassen, damit man auch sah, wie viele Länder noch fehlten. In den Schränken standen dann 33 Gläser mit Erde. Um es kurz zu sagen: die Reaktionen waren überwältigend, die Besucher waren sichtbar gerührt und bis jetzt  bekomme ich immer noch Erde, um das Projekt zu vervollständigen.

Welcher Aspekt dieser Aktion war beziehungsweise ist dir besonders wichtig?

Li Koelan: Mich bewegt vor allem die Möglichkeit, durch ein Kunstprojekt die Aufmerksamkeit auf die eher unauffällige Materie Erde zu lenken, der wir viel zu wenig Beachtung schenken. Damit will ich dazu beitragen, dass wir unserer tiefen Verbindung zu unserem Heimatplaneten neu auf die Spur kommen. Wichtig ist mir vor allem, im Kontakt mit anderen Menschen zu erleben, dass jeder diese Ur-Erd-Verbindung unmittelbar im Herzen spürt. Dabei nimmt die Verbindung zur Heimat-Erde einen besonderen Platz ein. Den darf sie auch einnehmen, ohne dass dadurch die gemeinsame Verbindung gestört wird. Im Gegenteil, durch diese souveräne  Verbindung zur eigenen „Erde“ kann, denke ich, erst ein Gefühl  für die eigene Verantwortung entstehen. Die Erde ist unserer aller Mutter. Leider vergessen wir zu oft, dass wir Kinder der Erde sind und dass die Erde uns die notwendige  lebenspendende Kraft einfach jeden Tag umsonst gibt . Für mich ist das Projekt „die Erde ist unteilbar“  ein gutes Integrations-Vorbild, ohne dass ich das absichtlich so ausgedacht habe, denn es ist viel intuitiver entstanden. Die Einheit der Erde ist das Herz meines Projekts. Es beruht auf der Souveränität jeder einzelnen  ErdeträgerIn. Ich liebe dieses Projekt.

Eine letzte Frage: In den Niederlanden ist es ja ähnlich, da geht auch ein „Rechtsruck“ durch die Bevölkerung. Wie siehst du als Niederländerin die Debatte, die hier zum Thema „Integration“ geführt wird?

Li Koelan: Es wird sicher ganz viel versucht, das ist auch wichtig. In den Niederlanden haben wir durch Herrn Wilders eine konkrete Situation. Aber hier in Deutschland sollte man die Problematik  nicht nur auf Neukölln, beziehungsweise Berlin beschränken. Das Problem besteht, so kommt es mir vor, in ganz vielen europäischen Ländern. Ich denke, das sind so die letzten Krämpfe eines Systems, das zusammen bricht. Dazu gehört auch die Finanzkrise.  Das ganze System kollabiert. Trotzdem müssen wir da irgendwie seriös mit umgehen und müssen Alternativen zu den Polarisierungstendenzen finden. Ich bin davon überzeugt, dass wir als gesamte Menschheit vor einem wichtigen ‚Bewusstseinssprung‘ stehen und dass die Zeit reif ist, unser Bewusstsein zu öffnen für die Einheit der Erde und für den Platz unserer Mutter Erde innerhalb des Sonnensystems. Ich persönlich versuche, so wenig Energie wie möglich in das alte System zu stecken, sondern ich sammle meine Kraft für neue Wege.

Das war ein schöner Schlusssatz und wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

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Top-Thema: Kulturelle Integration

Alle reden über Integration. Wir auch.

Uns interessiert dabei natürlich vor allem, welchen Beitrag die Kultur in diesem Kontext leisten kann. Deshalb haben wir uns entschieden, Kulturschaffende mit Migrationshintergrund zum Thema „Kulturelle Integration“ zu befragen. Die Gespräche sollen auch dazu dienen, die einzelnen kulturellen Einrichtungen, ihre Arbeit und ihre Intentionen besser kennen zu lernen.

Wir hoffen, auf diese Weise verschiedene Perspektiven zum Thema zusammen zu tragen. Pauschalisierungen und Polarisierungen sind wenig hilfreich. Was wir brauchen ist eine differenzierte Betrachtung. Voraussetzung dafür ist der Dialog mit den Akteuren. Aber was verstehen Zuwanderer überhaupt unter Integration? Was erwarten sie von der „neuen Heimat“ und was sind sie selbst bereit einzubringen?

Wir hoffen, dass uns die Gespräche mit VertreterInnen inter/kultureller Initiativen und Vereine im Kiez hierzu neue Einsichten bescheren.

Übrigens hat diese Gesprächsreihe nichts mit einem Mann zu tun, dessen Name zurzeit in aller Munde ist. Das erste Interview haben wir bereits Mitte August geführt. Damit unser Thema nicht ins Sommerloch fällt, haben wir uns mit der Veröffentlichung etwas Zeit gelassen.

Wir freuen uns über Ihr/Euer Interesse und auf viele anregende Kommentare.

Das 48 Stunden Team

Unsere Artikelserie:

1. Wir geben den Afrikanern eine Stimme

2. Wo griechischer Honig fließt

3. Am Rande der Gesellschaft lebt es sich angenehm

4. Frühstück ist immer Deutschland

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Wir geben den Afrikanern eine Stimme

mit Robin Anne Bah und Saidu Bah
von A-U Headquarter Berlin – Afrikanische Literatur, Kleidung & Kunst

Saidu Bah Robin Anne Bah

Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-Stunden-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.

Das A-U Headquarter ist ein internationaler Treffpunkt, ein Ort, an dem diskutiert wird, Kooperationen entstehen, ein Ort, an dem Lesungen, Filmvorführungen, Theateraufführungen und Ausstellungen von afrikanischen AutorInnen, FilmemacherInnen und KünstlerInnen stattfinden. Ins Leben gerufen wurde dieser Ort der Begegnung von Büchern und Menschen im November 2007, von Saidu und Robin Anne Bah, einer afrikanisch-deutschen Partnerschaft. Der Laden befindet sich in Nord-Neukölln an der Karl-Marx-Straße, mitten in der afrikanischen Community und gleichzeitig auch am Rande des neuen Künstler- und Studentenviertels.

Afrika ist ein großer Kontinent mit vielen unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Die afrikanische Community in Neukölln ist dementsprechend kein einheitliches Gebilde. Spielt das innerhalb der Community eine Rolle oder verstehen sich die verschiedenen Gruppen in erster Linie als Afrikaner?

Robin Bah: Ich denke, es gibt schon große Unterschiede, erstmal zwischen anglophonen und frankophonen. Unter Westafrikanern gibt es bestimmte Verbindungen untereinander, aber dieser Ort hier versucht gerade, alle zusammen zu bringen. Kneipen, Diskotheken und Restaurants sind eher getrennt nach nationalen und ethnischen Gruppen. Dort geht es um die Spezialitäten einzelner Länder. Das betrifft in der Regel auch die kulturellen Aktivitäten.

Es war also schon so gedacht, dass das A-U Headquarter die verschiedenen Nationalitäten zusammenbringt?

Robin Bah: Ja, deshalb haben wir den Laden auch A-U Headquarter (A-U steht für African Union) genannt, um die Leute zu animieren, und deutlich zu machen: jeder ist herzlich willkommen, jeder Afrikaner, aber auch jeder andere. Und es ist auch so, dass Leute aus verschiedenen Ländern herkommen. Wir hatten eine Diskussionsgruppe, da waren Afrikaner aus allen Ländern vertreten, anglophone sowie frankophone und das war sehr spannend. Mein Mann und ich wir sprechen beide englisch und französisch und das ist sehr hilfreich.

Was war die ursprüngliche Absicht das A-U Headquarter zu gründen?

Robin Bah: Das waren vor allem die Bücher. Autoren aus allen afrikanischen Ländern sind hier mit ihrer Literatur zu finden und sie sprechen für sich. Sie geben den Afrikanern eine Stimme, wo sonst meistens über Afrikaner gesprochen wird.

In einem Bezirk mit Menschen aus über 165 Nationen kann man nur friedlich miteinander leben, wenn man ein gewisses Maß an Toleranz mitbringt. Das funktioniert ja im Großen und Ganzen ganz gut. Aber genügt das auch, um sich in der “zweiten Heimat” angenommen zu fühlen?

Robin Bah:Ich denke, dass sich die Afrikaner in Neukölln schon angenommen fühlen. In Neukölln und in Wedding. Hier gibt es ja eine große afrikanische Community und das Verhältnis zu den umliegenden Türken ist sehr gut im Unterschied etwa zu Kreuzberg.

Im Zusammenhang mit Neukölln spielt der Begriff “Integration” in den Medien zurzeit eine zentrale Rolle. Was versteht Ihr denn unter Integration und welche Rolle spielt dabei die Kultur?

Robin Bah: Integration verstehe ich, als ehemalige Flüchtlingsberaterin und jetzt Sprachrohr für verschiedene Menschen, als ein Geben und Nehmen von Kulturen. Das heißt, die Leute, die herkommen und die schon hier sind geben etwas rein in den großen Topf und dann sieht man, was brauchbar ist. Menschen aus anderen Ländern empfinden bei den Deutschen durchaus auch Defizite, wo sie von anderen Kulturen lernen könnten. Aber das Interesse ist ja auch da. Zu uns kommen viele Deutsche und andere Europäer, um sich über Afrika zu informieren und viele sind Fans von afrikanischer Literatur. Insofern denke ich, dass der Begriff “Integration” in den Medien oft falsch benutzt wird. Man tut so, als wäre Deutschland der Nabel der Welt und wir würden alles richtig machen und die anderen müssten auf unsere Stufe kommen.

Habt Ihr das Gefühl, dass der afrikanischen Kultur mittlerweile mit mehr Respekt begegnet wird?

Robin Bah:Ja, auf jeden Fall. Man merkt es an den Publikationen über Afrika. Wenn man vergleicht, was früher veröffentlicht wurde und was zurzeit veröffentlicht wird. Da hat sich viel verändert, wobei auch einiges verschleiert wird. Es gibt jetzt eine neue Bewegung, die besagt, das Afrikabild muss verändert werden. Da muss man genau hinsehen, was da für Mechanismen wirken. Ob da wirklich ein neues Bild zu erkennen ist.

Kurze Unterbrechung des Interviews. Saidu Bah, Inhaber des A-U Headquarter kommt dazu und beteiligt sich an dem Gespräch.

Saidu Bah: Ich möchte wissen, warum alle über Afrika reden wollen. Ich sehe keine Anstrengungen von deutscher Seite, sich in Afrika wirklich zu engagieren.

Wir reden hier jetzt nicht über Afrika. Wir kommen aus dem kulturellen Bereich und uns interessiert, wie Einwanderer aus Afrika sich in Neukölln fühlen, ob sie sich respektiert fühlen.

Saidu Bah: Sie fühlen sich so wie jeder Fremde. Als Fremder, egal ob du aus Indien, Afrika oder sonst woher kommst bist du eingeschränkt in deinen Möglichkeiten. Menschen die studiert haben, arbeiten in der Gastronomie oder als Reinigungskräfte, hoffen vergeblich, dass sie irgendwann einen besseren Job bekommen.

Sicher gibt es da viele Probleme. Viele Einwanderer haben ihre Heimat nicht verlassen, weil sie wollten, sondern aus existenziellen Gründen. Was uns vor allem interessiert ist die Frage, was helfen kann, sich ein Stück weit heimischer zu fühlen, auch wenn das Mutterland die eigentliche Heimat bleibt. Was können wir zusammen tun, um hier friedlich miteinander zu leben?

Saidu Bah:Wenn man sich umschaut auf der Welt – die Perspektiven für schwarze Einwanderer sind sehr schlecht in Deutschland. Sie bekommen keine Chance. Es gibt kein Gesetz, das die Beschäftigung von schwarzen Einwandern fördert. Wenn Ihr Afrika helfen wollt: Wir haben viele Intellektuelle, die Bücher schreiben, die wir hier verkaufen. Mir würde es helfen, wenn man mich unterstützen würde, das hier aufzubauen. Aber dann heißt es: Der Mann braucht Geld. Natürlich brauche ich auch Geld. Ich muss mir was zu essen kaufen können. Aber mit dem Laden möchte ich vor allem etwas entwickeln, das den weißen Menschen einen neuen Blick auf Afrika ermöglicht. Wenn die Menschen an Afrika denken, dann denken sie vor allem an Hunger. Die Menschen in Afrika können lesen und schreiben. Wir schlafen nicht in den Bäumen. In den Büchern afrikanischer Autoren findet sich Unglaubliches.

Dann ist also Euer Hauptanliegen, das Afrikabild zu verändern, indem Ihr Menschen mit afrikanischer Literatur in Berührung bringt?

Saidu Bah:Ja. Und die Treffen für Afrikaner zu organisieren, um sich auszutauschen. Jeder bringt eigene Standpunkte ein. Kunden, die reinkommen sind überrascht über die Vielzahl afrikanischer Autoren. Aber leider gibt es in diesem Land keine Unterstützung für Menschen, die so was aufziehen, die sich engagieren. Man muss die Bücher kaufen, die Ladenmiete bezahlen.
Ich sage euch, was ich mir wünsche: Ich wünsche mir Geld, um das hier zu einem kulturellen Zentrum weiter zu entwickeln. Aber im Augenblick kämpfen wir um das Überleben des Projekts.

Robin Bah:Wir haben schon drei Kündigungen bekommen.

Saidu Bah: Die Miete ist zu teuer, obwohl sie günstig ist, können wir sie uns nicht mehr leisten.

Ihr würdet Euch also eine finanzielle Förderung wünschen?

Robin Bah:Wir haben ohne viel Kapital angefangen und mussten einen Kredit aufnehmen. Eine Förderung würde uns helfen, dass wir einfach mal ohne Schulden sind, um dann aus eigener Kraft weiter zu machen. Diese Chance finde ich wichtig, weil solche Orte der Begegnung selten sind. Wir engagieren uns auch andernorts. Gerade haben wir mitgeholfen bei der Einrichtung des “ersten afrikanischen Leseraums” in Berlin im Afrika-Medien-Zentrum in Wedding. Das Besondere am A-U Headquarter ist, dass wir beide das hier zusammen machen, in Form einer afrikanisch-deutschen Partnerschaft und das dadurch alle integriert sind, sowohl Deutsche als auch Afrikaner und eben alle Afrikaner. Viele wenden sich an uns, um Informationen zu bekommen. Wir hatten auch mal eine Ausstellung von einem südafrikanischen Künstler hier, eine Künstlerin mit marokkanischem Hintergrund hat hier ein Projekt verwirklicht. Wir veranstalten Lesungen. Das ist alles möglich und gewollt. Das Projekt ist gut angelaufen, aber letztlich brauchen wir Geld.

Die 48 STUNDEN NEUKÖLLN sind ein Festival, dass unter anderem den Raum dafür schaffen will, dass sich Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen begegnen und austauschen können. Wie habt Ihr persönlich das Festival in letzten Jahren erlebt? Habt Ihr das Gefühl, dass das Festival neue Leute herbringt?

Robin Bah: Im letzten Jahr haben wir einen Film gezeigt, der war klasse und wir waren auch ziemlich gut besucht. Es war ein Film, den ein afrikanischer Flüchtling gemacht hat und das Interesse war ausgesprochen groß. Die Leute kamen noch nachts hier rein und haben sich informiert. Dieses Jahr war nicht so viel los, aber wir haben auch nicht so viel Energie gehabt, das zu lancieren. Vielleicht hat es daran gelegen. Generell kommen die meisten Leute über Mundpropaganda zu uns. Die öffentliche Wahrnehmung ist gar nicht so das Problem. Der Laden würde sich selbst tragen, wenn wir nicht die Schulden hätten. Jetzt haben wir durch die Neuregelung, dass das QM bei Anträgen ab Tausend Euro eine Ausschreibung machen muss, ein großes Projekt verloren. Wir haben einen Film über Afro-Deutsche im Kiez machen wollen, mit einem Afrikaner, der Filmemacher ist und auch hier im Kiez wohnt und dann haben zwei Europäerinnen die schon auf der Berlinale waren, das Projekt bekommen. Bei der Vergabe wurde mal wieder nicht berücksichtigt, dass die Afrikaner selbst sprechen wollen. Es ist doch was ganz anderes, wenn ein Afrikaner einen Film über Afrikaner macht. Der hat doch eine ganz andere Perspektive. Ja, schade.

Da wären wir dann wieder beim Ausgangspunkt. Euch geht es darum, dass andere Kulturen für sich selbst sprechen und dass man miteinander ins Gespräch kommt?

Robin Bah: Das ist richtig. Ich möchte aber auch noch mal darauf hinweisen, dass viele Menschen so um Papiere kämpfen müssen, sich in so prekären Lebenssituationen befinden und wirklich nicht das Gefühl haben, sie wären hier erwünscht. Wie kann man von Menschen, die so hart ums Überleben kämpfen müssen, erwarten, dass sie kooperieren und sich integrieren?

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch und drücken die Daumen, dass es mit dem A-U Headquarter weiter geht.

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Making of Message in a bag, dem kollektiven Denkkunstwerk

Biotop in a bag, Foto: Emily PütterVon Emily Pütter

Ein Grund, mir diese Ausstellungsform auszudenken war ja auch, dass das Format immer gleich ist: eine Tasche 40×45 plus Henkel, also gut zu transportieren, zu hängen und zu dokumentieren. Soweit verständlich, oder? Aber in der kreativen Welt passiert eben Transformation und manchmal auch Transzendenz.

Also, meine Einfachhaltung ging schnell zu Bruch, mittlerweile begieße ich täglich auf meinem Balkon eine in ein Biotrop verwandelte Tasche von Klemm, eine in einen Riesenigel transformierte sticht alles weit und breit, eine mit einem Silikonpenis und Glitter und Flimmer muss mit Samthandschuhen behandelt werden, eine andere, die mit leeren chinesischen Glückskekstütchen behängt ist, flattert so zerbrechlich, wie eben diese Abfälle im Wind, was sie auch genauso aussagen will und braucht eine extra Kiste, oder Herons Kulturfitnessprogrammtasche, die unser Gewissen beunruhigt ……die Aufzählung ist lang, aber morgen geht es zu wie bei dem Bau der ägyptischen Pyramiden, denn es kommt eine  Skulptur, die eine halbe Tonne wiegt, Monate gewachsen ist und eine größere, logistische Vorbereitung braucht, um überhaupt transportiert werden zu können.

Laster, Kräne und Aufzüge werden benötigt und für die letzten 100 Meter auf Kiesboden muss eine Holzplanke nach der anderen gelegt werden, um soweit langsam vorwärts zu kommen. Aber damit nicht genug: es müssen auch noch drei muskulöse, durchtrainierte Kerle gesucht werden, die dabei helfen. Genau 48 Stunden kann man dieses Eiskunstwerk dann bewundern …. dann taut es langsam und sichtbar auf und wird wieder, was es war: eine einfache Vintage-Tasche, ein Produktionsrest der Ex-DDR und all das Eisgebilde ist nur noch Erinnerung. Wir konnten mal kurz in Uraltes, Allerneuestes schauen, einem Wunder begegnen und das 48 Stunden lang in Neukölln im Körnerpark dank Christian Funk.

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Wie klingt eigentlich der Hermannplatz?

Von Resi Dänz am Schifffahrtskanal

Im November 2009 erreichte mich eine Mail. Heimathafen e.V. suchten für die Produktion eines Theaterstückes Neuköllner MusikerInnen. “Wie klingt eigentlich der Hermannplatz?” Ja wie klingt der denn?

Zusammen mit Suli Puschban stürzte ich mich ins Getümmel, wir reichten als Combo Zentralflughafen ein Demotape ein, und begleiteten das Stück “Hermannplatz” bei der Entstehung, trugen Originalton-Samples, Musikloops, Rhythmen zusammen…

Wie klingt eigentlich der Hermannplatz?

Das Stück war ein Erfolg. Es lief von Februar bis Mai. Ich saß am Ton und in mir arbeitete es weiter. Klingt so der Hermannplatz? Aber es fehlt doch noch der Countrysound des Imbiss, das melodische Rufen auf der U-Bahntreppe, die Melodie des Lungerns…

Die Hermannplatzmusik ließ mich nicht los. Aus den Tönen schnitt ich Rhythmen, die eingefangenen Stimmen schnitt ich zu einem Lied. Kann irgendjemand erklären, warum die Menschen auf dem Hermannpaltz so häufig in A-Dur singen und rufen? Ein Mysterium. Liegt es an den Gongs von Bus und U-Bahn, die ebenfalls zu A-Dur passen?

Lieder entstanden. Einige Texte des Theaterstückes flossen ein. Zum Teil als Samples, zum Teil als Inspiration für Liedtexte. Die Hermannplatzmusik entwickelte ein Eigenleben. Und ich entschied, das Zwischenergebnis bei 48 Stunden Neukölln zu Gehör zu bringen. Einen wunderbaren Raum dafür hatten wir ja.

Und genau dann traf ich Ines Borchart wieder. Wir redeten über Berufliches und drei Tage später schrieb sie mir noch eine Mail dazu. Im PS stand: “Machst du in diesem Jahr eigentlich auch wieder bei den 48 Stunden mit? Ich hatte mir mit Tanja ein Fotoprojekt über den Hermannplatz vorgenommen. Aber irgendwie läuft alles nicht so richtig, und alle Ausstellungsmöglichkeiten haben sich zerschlagen…”

Meine Antwort: “Aber das ist doch völlig klar, dass das alles nicht geklappt hat. Schließlich müsst ihr hier bei uns ausstellen. Denn hier läuft bereits die Musik zu euren Fotos!”

Wie klingt eigentlich der Hermannplatz? Am idyllischen Wildenbruchpark versuchen wir in diesem Jahr eine vorläufige Antwort….

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48 Stunden Neukölln - Eine Betrachtung

48 Stunden Neukölln

von Frank Kirchner

„48 Stunden Neukölln“ klingt wie ein Ultimatum oder gar eine Bedrohung. Was ist hier gemeint?

Ein doppelter 24 Stunden Service oder die Neuauflage des 70er Jahre Hits „48 Crash“ von Suzi Quatro?

Nichts dergleichen, vielmehr 48 Stunden – also 2 volle Tage – Kunst und Kultur in einem sozial schwierigen Umfeld, wo doch Außenstehende eher eine Kulturwüste erwarten.Wer also macht denn so etwas? Nun, ein Haufen Unentwegter schließen sich in einem Kulturnetzwerk zusammen und mobilisieren Potentiale die es scheinbar auch nur hier anzutreffen gibt.

„Neukölln-Nord“ Pseudonym für sozialen Abstieg und Hauptabnehmer für staatliche Transferleistungen vollzieht eine Kehrtwende. Kleinkunst im Großen Stil, über 200 Veranstaltungsorte tun sich auf und geben Einblick in Kreativität und Kulturverständnis der meist hier wohnenden Menschen. Jegliche Möglichkeit sein Schaffen darzustellen wird genutzt. Von Hinterhöfen, Straßenlandschaften, Kleingartenkolonien, Dachböden, Wohnungen bis hin zu einer alten Toilettenanlage am Kanal, wird alles bespielt.

Dabei sind den Künstlern nur wenig Grenzen gesetzt, diese ergeben sich auch nicht aus den Vorgaben der Veranstalter, als vielmehr aus den Auflagen des Ordnungsamtes und anderer staatlicher Institutionen. Gewisse Einschränkungen stören aber keinen wirklich, ist man hier doch erfindungsreich und improvisieren gewohnt. Vom Hermannplatz bis zur Ringbahn, von der Ankerklause bis auf das Gelände des ehem. Flughafens wird gewerkelt, gebastelt, kunstvoll gearbeitet und sich akribisch vorbereitet. Für wen eigentlich? Weder Aufkäufer für Guggenheim, noch Kunstmäzene aus New York oder Mailand sind hier je gesichtet worden.

Vielleicht für sich selbst, bestimmt für die Neuköllner und gewiss für den Bezirk als Ganzes und einer positiven Nachhaltigkeit die länger anhält als 48 Stunden.

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KLAUS! LEBT! IDEAL!

von BRAND

Mai 2010. Das Wetter ist stürmisch. Die Temperaturen bewegen sich nach wie vor nahe am Gefrierpunkt. Berlin. IDEAL-Passage. Wir sichten Möglichkeiten der Gestaltung für unsere Aktion. Die Höfe scheinen im Moment vor allem ein Durchgangsort zu sein – im wahrsten Sinne des Wortes eine Passage von einer Straße zur anderen beziehungsweise zwischen Wohnung und Straße. Ob das nur an den kalten Temperaturen liegt? Wie ist es hier zu leben? Während des Festivals wollen wir die IDEAL-Passage zur Oase machen, die zum Verweilen einlädt. Bisherige Kontakte zu Anwohnern, Genossenschaft und Hausmeister waren sehr positiv und kooperativ, so soll es weitergehen!

Für die weitere Planung ziehen wir uns ins warme BRAND-Büro zurück und diskutieren Ideen und Informationen, die wir bislang gesammelt haben.

Die IDEAL-Passage ist mit dem Ziel gebaut worden, die Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Früher waren die Höfe belebter als heute, es gab z.B. einen eigenen Bäcker und wir haben von Kinovorstellungen in einer der Wohnungen gehört. Möglicherweise war der Zusammenhalt innerhalb des Wohnkomplexes größer als heute? Vielleicht war es damals eher eine Situation, die mit heutigen Hausprojekten vergleichbar ist?

Uns interessiert die Spanne zwischen historischer Utopie und der heutigen Situation. Wie war die historische Situation genau, stimmen unsere Mutmaßungen? Gibt es heute ein Bewusstsein der Anwohner dafür, in einer Genossenschaft zu leben?

Die Feldforschung geht weiter. Interviews und Fragen an die Anwohner werden vorbereitet. Seit Beginn unserer Arbeit begleiten uns Diskussionen um die Möglichkeiten, utopisches Wohnen darzustellen bzw. erfahrbar zu machen. Diese Frage wird uns vermutlich bis zum Festival begleiten und den Besuchern einige Überraschungen in der IDEAL-Passage bescheren.

Weitere Informationen: www.brandschrift.de

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Komplex 650

von Dr. Martin Steffens

Rixdorf-Neukölln wird am 26. Juni 2010  650 Jahre alt. Ein Grund für Berlin-Neukölln und seine internationalen Besucher zu feiern, nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Im Rahmen einer breit angelegten Imagekampagne wurde die bevölkerungsreiche Gemeinde 1912 zum ungemein großstädtisch und wohlhabend klingenden Neukölln umbenannt. Beteiligt waren die Stadtverordneten und Kaiser Wilhelm II. Doch die Verbesserung des Rufs war nicht von langer Dauer – inzwischen möchte so mancher Neuköllner längst wieder Rixdofer sein…

Und damit sind wir bereits mitten im Thema der diesjährigen 48 Stunden Neukölln, die unter dem Leitmotiv Erinnern. Vergessen. Bewahren. Verlieren stehen. Ausgehend vom historischen Datum der Ersterwähnung im Jahr 1360, werden sich zahlreiche Künstler besonders dem Thema Erinnerung widmen. Was wollen wir lieber vergessen, an was hätten wir uns gerne erinnert oder an was erinnern wir uns gerne? Wo liegen unsere Wurzeln und kulturellen Bezugsrahmen? Wie geht eine inzwischen mehrheitlich vor dem Hintergrund nichtdeutscher Traditionen sozialisierte Bevölkerung mit der fremden bzw. eigenen Geschichte um? Fiktion und historische Analysen gehen dabei mit theoretischen und psychologischen Erklärungsmodellen einher.

650 Jahre Rixdorf-Neukölln

Höhepunkte des Festivals, zu dem voraussichtlich wieder mehr als 250 Veranstaltungsorte über 500 kulturelle und künstlerische Aktionen anbieten werden, ist eine Doppelausstellung im Alten Museum Neuköllns. Das (Heimat)Museum Neukölln zieht zum Mai 2010 auf den Gutshof Britz um. Das leerstehende, selbst von vergangenen Erinnerungen an das Erinnern auratisch erfüllte Gebäude, wird als Ort von zwei großen Ausstellungen und zahlreichen Begleitveranstaltungen zu erleben sein. Urban Memories umfasst dabei Positionen internationaler Künstler, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte mit dem Prozess des Erinnerns beschäftigen. Hier wird besonderer Wert auf die Beteiligung von Menschen (Anwohnern, Schülern, Vertreter spezieller Zielgruppen) an Entstehungsprozessen von Kunst gelegt. Die Ausstellung Horizonte versammelt dagegen primär Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotografien und Installationen.

Einen weiteren Höhepunkt bildet die Performance-Reihe 650° auf der Karl-Marx-Straße. Der öffentliche Raum wird hier von Tänzern und Performern erobert, die den belebten Straßenalltag und die abgeschiedenen Idyllen der Hofräume neu interpretieren.

Einen großen Stellenwert haben im Festival auch die Stadtführungen, die das 650.Jubiläum Neuköllns zum Anlass nehmen, unterschiedliche Lebenswelten der Gegenwart und historische Aspekte der Stadtgeschichte zu beleuchten und erfahrbar zu machen. Gerade die Brüche sind es, die die Konstante in der Neuköllner Historie ausmachen und die in unseren Neukölln Safaris eingehend erkundet werden können.

Ein neuer Ort wird in diesem Jahr mit dem Flugfeld des Tempelhofer Flughafens zur Verfügung stehen. Die weite Ebene wird vor allem KünstlerInnen ansprechen, die sich mit Bewegung und raumgreifenden Kunstformen auseinandersetzen.

Insgesamt werden Aspekte des Erinnerns und Vergessens von zentraler Bedeutung sein. So etwa in einem Theaterstück über Demenz oder in Bezügen auf die Lokalgeschichte, sie reichen von komplexen künstlerischen Verarbeitungsprozessen bis hin zur visionären Erinnerung an die Zukunft.

Neukölln wird sich bereitwillig entdecken und erobern lassen. Viele private und öffentliche Orte laden neugierige Besucher ein, in die Kunst- und Lebensrealität des sich stetig neu erfindenden Stadtteils einzutauchen. In Nord-Neukölln bietet sich die wohl einmalige Gelegenheit, gewachsene städtebauliche Strukturen, eine multiethnische Bevölkerung, eine vitale und enorm expandierende Kunstszene an einem Wochenende zu erleben und zu begreifen.

Dr.

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