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 Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Kulturbewegt e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, den es seit 2006 gibt. Im Mittelpunkt steht die kulturhistorische und interkulturelle Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen. Der Verein konzipiert und realisiert Ausstellungen, museumspädagogische Angebote und qualifiziert AnwohnerInnen als StadtteilführerInnen in Neukölln („Route44“ und „(Zweite) Heimat Neukölln“) und im Wedding („Route65“).
Wir würden unser Gespräch gerne damit beginnen, dass Ihr Euch kurz vorstellt und beschreibt, was Ihr in dem Verein „Kultur bewegt“ macht.
Gül-Aynur: Ich heiße Gül-Aynur Uzun, bin verheiratet und habe zwei Töchter. Ich arbeite als Stadtteilmutter auf Honorarbasis und ich bin eine der Stadtteilführerinnen in den Projekten „Route44“ und „(Zweite) Heimat Neukölln“. Ich lebe seit über 30 Jahren hier.
Regina: Ich heiße Regina Cysewski, bin 52 Jahre alt und bin in Polen geboren. Ich habe Abitur gemacht und in Polen eine Ausbildung als Reisebürokauffrau abgeschlossen. Ich bin verheiratet und habe einen erwachsenen Sohn, der hier geboren ist. Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland. Ich arbeite auch als Stadtteilmutter und mache außerdem Führungen, die mir viel Spaß machen.
Vielleicht könnt Ihr kurz beschreiben, was Eure Arbeit ausmacht, zum einen als Stadtteilmütter und zum anderen bei den Führungen. Bei den Führungen gibt es ja vermutlich verschieden Schwerpunkte.
Gül-Aynur: Als Stadtteilmütter müssen wir uns die Familien, in die wir gehen selber suchen, indem wir an den Schulen und in KITAS für das Projekt Werbung machen. Ich muss dann mit einer Familie innerhalb eines Monats zehn Themen durchgehen, unter anderem gesunde Ernährung, zweisprachige Erziehung und Sexualkunde. Ich habe aber viel größere Schwierigkeiten, Familien zu finden, als ich gedacht habe. Kein Mensch mag es gerne, wenn sich andere in die Erziehung einmischen. Aber ich schaffe es doch, indem ich auch in Geldangelegenheiten Tipps gebe, z.B. wie man mehr Zuschüsse für die Kinder bekommt. So kann ich die anderen Dingen ganz nebenbei auch noch ansprechen.
Ja, und „Route44“, die Führungen, da habe ich am Anfang gedacht, dass man dafür studiert haben und sich mit Geschichte auskennen muss. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich alles erarbeiten kann. Das finde ich richtig interessant. Ich mache das jetzt seit zwei Jahren und jedes Mal sagen mir die Teilnehmer, dass sie sich gar nicht so für Fakten, zum Beispiel Jahreszahlen interessieren. Die Leute reizt vor allem die Sicht einer Migrantin. Wir hatten in diesem Jahr das Glück, dass wir eine Führung mit dem Kulturstaatssekretär André Schmidt machen konnten. Zuerst war ich nervös, aber als ich über die ersten Generationen von Einwanderern geredet habe, die ersten Leiharbeiter, die hergekommen sind, war er erstaunt und wirklich interessiert. Er hat gesagt, er habe wirklich was dazu gelernt. Das hat mich gefreut.
Regina: Ich arbeite schon seit vier Jahren als Stadtteilmutter und gehöre damit zur ersten Generation und ich bin stolz darauf, weil wir den Familien bei der Integration helfen. Als ich von dem Projekt „(Zweite) Heimat Neukölln“ erfahren habe, war ich so froh und konnte es gar nicht erwarten, die erste Führung zu machen. Ich habe die Ausbildung als Reisebürokauffrau gemacht und das war genau das, was ich schon immer machen wollte. Ich bin glücklich darüber, dass ich in meinem Alter hier in Deutschland noch die Chance dazu bekomme. Meine Tour ist das Böhmische Dorf und dann fahren wir nach Gropiusstadt, wo ich seit 30 Jahren wohne. Bei der zweiten Tour geht es um Einkaufs- und Erholungsmöglichkeiten an der Karl-Marx-Straße.
Was für Erfahrungen macht Ihr bei diesen Kiezführungen? Wie begegnen Euch die Menschen? Mit welchen Erwartungen kommen sie zu den Führungen?
Gül Aynur: Wir hatten einmal eine große Gruppe aus Hessen, das waren Soldaten und meine Kollegin und ich, wir hatten vorher wirklich Angst, dass auch Nazis darunter sein könnten. Die waren dann aber so anders, als wir gedacht hatten. Richtig nett und interessiert. Sie wussten sogar über die Stadtteilmütter in Neukölln Bescheid. Ein anderes Beispiel: Eine Frau, die hier im Rathaus Neukölln arbeitet und in Wannsee wohnt, wurde ständig von ihrer 15jährigen Tochter gefragt, wie sie denn in Neukölln arbeiten könne, mit all den Gangs und so und da hat die Mutter uns gebucht. Die Tochter und eine Freundin haben dann an einer Führung teilgenommen. Man konnte sehen, dass die beiden Mädchen Angst hatten. Die hingen die ganze Zeit eng beieinander und wenn da zwei Jungs vorbei gingen, haben sie uns gefragt, ob das die Gangs sind. Zum Abschluss gehen wir dann immer zum Anatolischen Teehaus und da gibt es dann die Möglichkeit, darüber zu sprechen, wie die Teilnehmer die Führung erlebt haben. Und da haben uns die Mädchen gesagt, dass sie was ganz anders erwartet haben und dass wir ihnen sicher nur die guten Seiten von Neukölln gezeigt hätten. Und da habe ich ihnen gesagt, dass ich seit 30 Jahren hier wohne und eine Tochter in ihrem Alter habe und dass wir noch nie Probleme mit Gangs hatten. Und meine Tochter geht auch aus und trifft sich mit Freunden. Die beiden Mädchen waren richtig schockiert, dass sich das was sie von Neukölln gesehen hatten, so sehr von dem Bild unterscheidet, das sie aus den Medien kannten. Wir haben eigentlich ständig mit Menschen zu tun, die wegen der Berichterstattung in den Medien neugierig sind und herkommen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Und die sind immer überrascht, weil sie das, was sie sehen nicht erwartet haben.
Regina: Ich bin noch relativ neu dabei, aber bei allen Touren, die ich bisher gemacht habe, war die erste Frage, ob Neukölln denn nun so wäre, wie in den Medien beschrieben. Vor allem wollen die Menschen wissen, ob es wirklich so gefährlich ist, hier zu leben. Und das muss ich natürlich verneinen. Was das Publikum betrifft, so sind das Deutsche, aber auch viele Menschen mit Migrationshintergrund. Ich hatte zum Beispiel eine Gruppe von Menschen, die aus Polen stammen. Das hat mich natürlich besonders gefreut. In den Gruppen sind manchmal bis zu 20 Leute. Am Anfang war ich ziemlich aufgeregt, aber mit jeder Führung fühlt man sich sicherer und man lernt selbst ständig dazu und kann mehr erzählen. Die Menschen sind durchweg zufrieden, weil sie so viel über das Leben hier erfahren. Sie finden es spannend, Neukölln mit unseren Augen zu sehen.
Habt Ihr Euch selbst bei Eurer Arbeit in Neukölln auch noch mal neu entdeckt?
Gül Aynur: Bei jeder Führung lerne ich auch von den Menschen und deshalb kann ich schon sagen, dass ich auch Neues entdeckt habe. Ich erzähle den Menschen auch wie ich die Veränderungen in Neukölln erlebt habe. Ich habe seine Glanzzeiten gesehen und den Niedergang und jetzt geht es wieder bergauf. Ich lebe ja mit diesen Veränderungen.
Regina: Ich lebe in Gropiusstadt, aber ich bin früher sehr oft nach Nord-Neukölln gefahren, weil es hier die großen Kaufhäuser gab. Ich wusste aber gar nicht, was sich hinter den Fassaden verbirgt, dass da noch Höfe sind. Ich kannte Neukölln eigentlich nicht so gut. Ich war mal beim einem Ausflug zum Böhmischen Dorf dabei, aber das war alles. Deshalb fand ich die Schulungen vom Kulturamt so spannend und ich war selbst sehr überrascht, dass es
in Neukölln so schöne Orte gibt. Als ich nach Berlin kam, wusste ich gar nichts über Neukölln. Weder Gutes noch Schlechtes. Ich bin hier hergekommen, weil meine Familie und Bekannten hier lebten und ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht.
Zurzeit scheint es ja in den Medien nur ein Thema zu geben und zwar das Thema Integration mit all seinen Facetten. Wie geht es Euch persönlich mit der Diskussion. Fühlt Ihr Euch persönlich angegriffen?
Gül Aynur: Wir werden seit 50 Jahren angegriffen. Wenn ich sehe, wie Herr Seehofer oder Frau Merkel über das Thema reden – ich habe gerade eine Rede von Frau Merkel vor der Jungen Union gesehen – ja da habe ich das Gefühl, dass das eine gefährliche Politik ist. Von Frau Merkel wurde viel erwartet, aber jetzt ist sie nicht mehr so beliebt und wird sehr angegriffen. Deswegen hat sie sich das Thema Integration ausgesucht, weil sie da viel Zustimmung erwartet. Anders als bei der Frage der Atomkraft und den Diskussionen über Hartz IV, die Armut in Deutschland und unser Bildungssystem. Ich lebe ja schon lange hier und habe beobachtet, dass das regelmäßig geschieht. Das Thema „Ausländer“ ist ein Köder, wenn die allgemeine Situation problematisch ist. Und das funktioniert. Wir sind Menschen und wir sind vergesslich. Wir haben sogar vergessen, dass sie während der Europameisterschaft die Steuern erhöht haben, als alle in euphorischer Stimmung waren. Man muss sehr vorsichtig sein. Wir haben Mölln noch nicht vergessen. Wir brauchen eine politische Führung, die nicht versucht die Menschen in dieser Weise zu lenken. Ok, Integration. Ich bin integriert. Schon seit Jahren.
Wenn Du sagst, dass Du integriert bist, was bedeutet das für Dich? Meinst Du damit, dass Du dich hier wohl fühlst, dass das hier Deine Heimat ist? Wir versuchen ja herauszufinden, was verschiedene Menschen unter Integration verstehen.
Gül Aynur: Ich weiß nicht, was die Leute wollen. Wollen sie, dass ich europäisch aussehe, dass ich europäisch denke, dass ich zuhause europäisch bin, meine Kinder europäisch erziehe? Was ist das – Integration? Wenn das die Punkte sind, dann bin ich integriert. Bei der Frage nach der Heimat kann ich weder nein noch ja sagen. Wir aus der vierten Generationen stehen dazwischen. Wir sind auch nicht wie die Türken in der Türkei. Wir sind ein eigener Stamm geworden. Ehrlich gesagt, es fehlt mir eine klare Ansage, was genau man von uns erwartet. Sollen sie doch sagen, was sie wirklich wollen. Ist es Integration, kein Kopftuch zu tragen? Wenn es das ist, dann sollen sie ein Kopftuchverbot im Schulgesetz festschreiben. Das ist dann etwas, woran man sich halten muss. In der Türkei dürfen die Kinder kein Kopftuch tragen. Das hat Atatürk ins Grundgesetz aufgenommen. Manchmal empfinde ich Deutschland als meine Heimat. Meine Kinder sind hier geboren und sie werden hier bleiben, weil das ihre Heimat ist. Mein Mann arbeitet in einem türkischen Betrieb im Maschinenbau mit 150 Beschäftigten. Das ist ein Betrieb von tausenden. Die türkischen Einwanderer zahlen sehr viel Steuern an den deutschen Staat. Aber wenn ich zur Ausländerbehörde gehe, werde ich behandelt wie der letzte Dreck. Und dann sind da noch die Schwierigkeiten mit meinem Aufenthaltsstatus. Das ist eine lange Geschichte. Ich wurde damals nicht gut aufgeklärt und jetzt muss ich jedes Jahr eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Wenn es so dargestellt wird, als wäre es leicht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, dann stimmt das nicht. Ich fühle mich hier nicht willkommen und dann sage ich mir, dass ich trotz allem nicht hier her gehöre.
Noch einmal die Frage, auch an Dich Regina: Wie fühlst Du Dich angesichts der Diskussion, auch wenn die Angriffe ja sehr stark in Richtung Türken gehen?
Regina: Mich ärgert das. Ich bin ja auch Migrantin und auch wenn andere angegriffen werden, fühle ich da sehr stark mit. Ich finde, Sarrazin hat die Menschen beleidigt und damit schafft man keine gute Stimmung unter der Bevölkerung. Die Menschen bräuchten einfach mehr Chancen, Ausbildungsplätze für Jugendliche und dann auch entsprechende
Arbeitsplätze. Beschimpfungen bringen nichts. Ich persönlich hatte nicht so große Probleme, weil ich als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen bin und aufgrund der Abstammung die Erlaubnis habe. Ich fühle mich integriert. Aber es gibt auch Enttäuschungen. Ich habe, gleich nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, einen sechsmonatigen Sprachkurs besucht und mich zur Bürokauffrau umschulen lassen und dann bin ich sofort arbeiten gegangen. Ich habe 20 Jahre im Einzelhandel gearbeitet. Das war eine gute Zeit. Trotzdem habe ich nicht erreicht, was ich mir gewünscht habe. Ich wäre gerne Filialleiterin geworden. Ich hatte alle Qualifikationen und auch die nötige Erfahrung für die Position. Ich habe meine Chefin monatelang vertreten, als sie krank war. Dass ich nie Filialleiterin geworden bin hat eindeutig mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Das hat mich schon geärgert.
Eine Frage noch, zum Abschluss unseres Gesprächs: Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft? Seht Ihr für Euch eine Zukunft in Deutschland und wenn ja, wie sollte die aussehen, wenn Ihr Euch was wünschen dürftet?
Regina: Ich würde mich freuen, wenn wir in Ruhe weiter hier leben könnten. Wenn ich dann auch noch eine Arbeit finden würde, dann wäre ich glücklich. Ich fühle mich hier in Deutschland wohl, obwohl ich oft nach Polen reise und manchmal auch hin- und her gerissen bin. Viele Polen gehen zurück, aber ich muss sagen, ich bin seit 30 Jahren hier und mir schmeckt das Brot in Deutschland besser. (sie lacht)
Gül Aynur: Es gibt solche und solche Menschen. Ich will nicht mit anderen in einen Topf geworfen werden. Das ist meine Bitte an die Politiker. Mein Traum wäre, dass ich hier erwünscht bin. Wenn ich akzeptiert werde, dann bin ich relaxt und dann spüren das auch meine Kinder. Die Kinder sind Deutsche mit türkischen Wurzeln. Meine Tochter hat andere Vorstellungen als ich. Kinder haben noch keine Nationalität. Sie haben auch keine Probleme mit der Ausländerbehörde. Sie haben Visionen für die Zukunft, aber durch die gegenwärtige Diskussion werden die Kinder verunsichert. Da muss man wirklich aufpassen.
Wir bedanken uns bei Euch beiden für das Gespräch.
A work in Progress von Li Koelan
2009 Jahr lautete das Thema des Kunst- und Kulturfestivals 48 STUNDEN NEUKÖLLN „Humus Neukölln“.
Als Künstlerin habe ich mich von dem Thema inspirieren lassen, weil ich die Erde liebe. Sie ist für mich eine lebendige Materie mit einer eigenen stillen Sprache, auf die wir Menschen nicht oder viel zu wenig gehört haben. Die Folgen dieser Missachtung sind weltweit spürbar und haben zu schrecklichen Bedrohungen geführt.
Da im Bezirk Berlin-Neukölln Menschen aus über 160 verschiedenen Nationen wohnen, habe ich den Plan gefasst, aus all diesen Ländern ein Glas Erde zu sammeln. Nach Möglichkeit sollte das ‚Marmeladenglas‘ mit einer lokalen Zeitung umhüllt werden, um einerseits das Glas zu schützen, andererseits aber auch um auf die Herkunft der Erde hinzuweisen. Auch habe ich gebeten, den Satz ‚die Erde ist unteilbar‘ in die jeweilige Muttersprache zu übersetzen.
Anfang März 09 habe ich begonnen, an alle 160 Botschaften eine Email zu schreiben, mit der Bitte, sich an diesem Projekt zu beteiligen oder es zu unterstützen. Im April/Mai 09 habe ich weltweit an etwa 90 Goethe-Institute die gleiche Bitte gerichtet. Die Resonanz war groß: Von allen Institutionen sind sehr schöne und positive Nachrichten, viele Gläser mit Erde und auch Zeitungen nach Berlin-Neukölln gekommen. Den ganzen Briefwechsel habe ich in zwei Mappen gesammelt und er ist Teil des Projektes. Ich habe in Neukölln mit verschiedenen Quartiersmanagement-Büros zusammen gearbeitet und in deren eigenen Zeitungen ist ein Aufruf erschienen, Erde für das Projekt ‚Die Erde ist unteilbar’ zu sammeln.
Zum ersten Mal ist die Installation mit 33 Gläsern voller Erde und 27 Zeitungen in der Ausstellung ‘NATurBAN’ während ’48-Stunden-Neukölln ’ in der Alten Post an der Karl-Marx-Straße (siehe Katalog) gezeigt worden. Viele der BesucherInnen waren sehr begeistert von dem Projekt und nahmen spontan die Postkarte mit, um sich zu beteiligen. Am 24. September 09 gab es die Aktion ‘Ahoi Neukölln’ am ‚Platz der Stadt Hof’ an der ich mit diesem Erde-Projekt teilgenommen habe und zum zweiten Mal habe ich die Installation während ‚nachtundnebel 09’ im Kunstraum ART-UHR, Weichselstrasse 52, aufgebaut.
Bis jetzt sind 70 Länder mit einem Glas Erde vertreten, es gibt 57 ausländische Zeitungen und 77 Fotodokumente von Erdeträgerinnen.
De aarde is ondeelbaar (niederländisch-flämisch), The earth is indivisible (englisch, Jer bölinmas (Usbekisch), Jörðin er ekki til skiptana (isländisch), La Terre est indivisible (französisch), Dunia tidak berbagi (Indonesisch), Namma Bhoomi Avibhajya (Indien-Bangalore), Toprak bölünemez (Türkisch), Земля не делится. (Rüssisch), D’Ärda isch untüubar (Schweizerdeutsch), Земља je недјељива (serbisch), Zemlja je nedjeljiva (kroatisch), La tierra es indivisible (spanisch), Jorden är odelbar (schwedisch), Ziemia jest niepodzielna (polnisch).
Art in Progress ………………….Progress in Art…………………….. Li Koelan
atelier: Weichselstraβe 52 (Kunstraum Art-Uhr) Berlin
www.likoelan.com E-mail: likoelan@aol.com
 Martin Hyun
Interview mit dem deutsch-koreanischen Autor Martin Hyun.
Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-STUNDEN-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Martin Hyun wurde 1979 in Krefeld als Sohn koreanischer Migranten geboren. Er lebt inzwischen in Berlin. 2008 erschien Martin Hyuns Buch „Lautlos ja – Sprachlos nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“, in dem er über die Integrationsgeschichte der Koreaner erzählt. Mit scharfem Blick und viel Humor beschreibt Hyun seine eigene und die Situation seiner Landsleute. Die Mehrheit der Deutsch-Koreaner hat den Wechsel vom Arbeiter zum Akademiker innerhalb nur einer Generation vollzogen. Doch obwohl Deutsch-Koreaner als Musterbeispiel gelungener Integration gelten und alle Kriterien erfüllen, die die Bundesregierung für ein Leben in Deutschland voraussetzt, sind sie ein Beispiel dafür, dass Sprache und höhere Bildung keineswegs Erfolgsgaranten für eine Integration in die Gesellschaft sind. Sein neues Buch „Machtlos ja – Mutlos nein“, welches demnächst erscheint, beschäftigt sich mit den Erfahrungen, die er mit Integrationspolitikern und Regierungsinstitutionen gemacht hat und warum er die Chancengleichheit einfordert.
Es geht uns in dem Festival-Blog um den Austausch der verschiedenen Kulturen, die hier zusammen leben. Die Koreaner werden allgemein gerne als „Generation Musterbeispiel“ innerhalb der Integrationsdebatte angeführt, sicher nicht nur, weil sie ihren Kindern deutsche Vornamen geben. Was würdest du sagen, warum die Koreaner so gut angepasst sind?
Ich glaube, dass es in erster Linie an den Eltern liegt, die sehr viel Wert auf höhere Bildung legen und dass die Kinder Abitur machen. Meine Eltern wussten zum Beispiel gar nichts über das deutsche Bildungssystem als sie hierher kamen. Aber irgendwann hat sich in der Community herumgesprochen, dass das Gymnasium das beste ist und dann mussten alle auf das Gymnasium. Alles was darunter lag, wie Realschule, Gesamtschule oder Hauptschule, war eine große Niederlage. Deswegen wurden alle darauf getrimmt, auf das Gymnasium zu gehen, Abitur zu machen und ein Studium zu beginnen. Ich denke aber auch, das ist die asiatische Kultur in Korea, wie man so schön sagt, die konfuzianistische Prägung, die sehr viel Wert auf die Bildung legt.
Ist es denn so, dass es nicht unbedingt die bildungsfernen Schichten waren, die hierher gekommen sind?
Ja, das stimmt. Es gibt viele, nicht alle, aber die haben in Korea Abitur gemacht, zum Teil auch dort studiert. Nur war Korea zu dem Zeitpunkt sehr arm, Korea hatte den Bürgerkrieg mitgemacht, 1950 bis 1953, dann war das Land in einem politischen Vakuum, beziehungsweise es musste sich neu orientieren. Es gab wenig Arbeitsplätze, so dass sehr viele aus der Generation meiner Eltern nach Deutschland ausgewandert sind, oder auch in andere Länder, wie zum Beispiel in die USA oder nach Kanada. Allerdings mussten sie und auch meine Eltern hier weitaus niedrigere Arbeiten verrichten, die nicht ihrer Qualifikation entsprachen. Mein Vater hat „unter Tage“ im Bergbau gearbeitet und meine Mutter als Krankenschwester, welches ja noch ging, aber „unter Tage“ zu sein stelle ich mir sehr hart vor, gerade als Akademiker.
Wir werfen jetzt einen Blick in deine Kindheit. Wie viel „Deutschland“ war in deiner Kindheit und wie viel „Korea“ oder besser gesagt, wie sah dein Alltag aus? Welchen Stellenwert hat zum Beispiel das Essen?
Frühstück war immer Deutschland, Mittag- und Abendessen waren Korea. Zum Frühstück gab es immer Brötchen, ein Ei und Aufschnitt, aber mittags und abends bestand mein Vater darauf, koreanisch zu essen. Er hat schon sehr gemurrt, wenn es mal deutsches Essen zum Mittag gab. Meine Mutter war da sehr kreativ: manchmal hat sie dann halb deutsch und halb koreanisch gekocht, wie zum Beispiel Schnitzel mit Sojasoße und Tofu zusammen, recht wilde Kreationen. Mein Magen ist dadurch sehr resistent geworden, ich kann praktisch alles essen. Im sonstigen Alltag haben die Eltern natürlich koreanisch gesprochen, aber komischerweise haben wir Kinder auf deutsch geantwortet, das hat sich so eingebürgert. Das gute an diesem Tandem war, dass man alles, was man falsch machte, auf Verständigungsprobleme schieben konnte. Aber unsere Wohnung, das Haus, in dem wir wohnten, das war schon koreanisch. Auch die strikte, konservativ ausgerichtete Erziehung meines Vaters hielt das Korea der sechziger Jahre in seinem Territorium aufrecht. Meine Eltern konnten auch kein Deutsch als sie kamen. Ich hatte zufällig 2005 in Korea die Gelegenheit, in die alten Schulakten meines Vaters zu schauen. Uns hat er immer erzählt, dass er gut war in der Schule und deshalb sollten wir es auch sein. Er hat natürlich nie damit gerechnet, dass ich in seiner alten Schule seine Zeugnisse sehen würde. Er hatte in Deutsch nämlich nur ein „ausreichend“. Die deutsche Sprache war damals in Korea sehr populär, weil der Militär-Diktator Park Chung-hee Deutschland geliebt hat und sogar 1964 bei einem Staatsbesuch zusammen mit Ludwig Erhard ein deutsches Lied gesungen hat. Ich habe meinen Vater gefragt, warum er ausgerechnet in das Land ausgewandert ist, dessen Sprache er so schlecht spricht. Kein Kommentar! Meine Mutter hatte das Glück, das sie im Goethe-Institut in Korea wenigstens ein paar Grundkenntnisse in Deutsch erlernen konnte. Aber eigentlich haben beide erst in Deutschland die Sprache richtig gelernt. Meine Vater lernte deutsch bei seinen Kumpels „unter Tage“. Das waren schon recht deftige Ausdrücke, die er da mit nach Hause brachte.
Du bist ja hier in eine deutschsprachige Schule gegangen. Wie sieht es mit deinem Koreanisch in Wort und Schrift aus?
Bis zu meiner Grundschulzeit war ich sehr gut in Koreanisch und habe auch bis dahin in Krefeld jeden Samstag eine koreanische Schule besucht. Aber dann lies mein Interesse nach, ich bin da nicht mehr hingegangen und mein Koreanisch geriet in totale Vergessenheit. Ich habe erst so mit achtzehn, neunzehn Jahren wieder angefangen, Koreanisch zu reden und zu schreiben. Auch weil mein Vater sich wieder mehr Mühe gab, mir das beizubringen. Nach dem Motto: äußerlich bist du ein Koreaner und es ist peinlich, wenn du nach Korea gehst und die Sprache nicht sprichst. Die Koreaner dort akzeptieren zwar, dass du in Deutschland aufgewachsen bist, aber du musst trotzdem die Sprache sprechen. Ich war bis dahin immer der Meinung, dass ich Hochkoreanisch spreche, bis ich nach dem Abitur nach Amerika kam. Dort habe ich sehr viele Koreaner kennen gelernt, die über mein Koreanisch gelacht haben. Die haben mich dann aufgeklärt, dass ich ein sehr provinzielles, so genanntes Südkoreanisch spreche. Für mich brach damit eine Welt zusammen, da ich außerdem erfuhr, dass meine Vokabeln auch sehr veraltet waren, noch aus der Koloniezeit.
Du bist in Krefeld aufgewachsen, zusammen mit deutschen und auch anderen Nationen. Wie sah dein Freundeskreis aus?
Der war eigentlich total multikulti. In der Grundschule zum Beispiel waren wir gemischt, da waren Italiener, Spanier, Türken und Spätaussiedler. Das waren natürlich auch alles meine Freunde, der Anteil von einheimischen Deutschen war eine überschauliche Gruppe, so etwa drei oder vier. Ich sehe noch unser Klassenfoto vor mir, einer der deutschen Mitschüler sah immer sehr ängstlich aus. Wir hatten damals in Krefeld „Neuköllner Zustände“. Obwohl wir niemals Probleme damit hatten. Wir hatte zum Beispiel auch gemeinsam Sport, die türkischen Mädchen trugen ein Kopftuch, waren aber beim Schwimmen dabei.
Der Begriff „deutsche Leitkultur“ ist ja sehr umstritten. Wir Deutschen selbst wissen ja kaum, was das sein soll. Was verstehst du darunter?
Ich kann mir darunter nichts vorstellen. Hier in Deutschland hat jeder fünfte einen Migrationshintergrund, das heißt er bringt seine Kultur mit ein. Dadurch hat Deutschland sich auch verändert und die deutsche Kultur wurde dadurch auch geprägt. Das Wort „Leitkultur“ ist zuerst von einem deutschen Politiker ausgesprochen worden und wurde jetzt wieder aufgegriffen. Die Politiker geben dieses Schlagwort, aber sie definieren es nicht. Genau deshalb weiß keiner so richtig, was das genau bedeutet. Für mich ist wichtig, dass man im 21. Jahrhundert eine neue Definition findet, was einen Deutschen ausmacht. Darüber müsste man in der Gesellschaft debattieren, schon wegen des demografischen Wandels. Man müsste eigentlich zusammen mit allen, die hier leben, einen neuen Wertekatalog erstellen.
Was glaubst du, woran das liegt, dass unsere Gesellschaft sich so schwer damit tut, Fremde zu akzeptieren und zu tolerieren?
Ich glaube, dass gerade die Menschen, die darüber entscheiden, sehr wenig Berührung mit einem multikulturellen Alltag haben. Ich glaube auch, dass meine Generation, weniger Probleme damit haben wird, wenn sie erstmal in den Führungsgremien sitzen. Aber diejenigen Menschen, die wenig mit der Thematik zu tun haben sind vielleicht nicht unbedingt rechtsextrem geprägt, sie handeln meines Erachtens aus Bequemlichkeit. Sie meinen, sie haben es mit einem optisch deutsch Aussehenden auf kultureller und zwischenmenschlicher Ebene einfacher. Einem asiatisch aussehenden Menschen gegenüber, auch wenn der in Deutschland aufgewachsen ist, ist das Verhalten einfach anders. Aber das können viele Gründe sein, die da zusammenkommen.
Denkst du, dass kulturelle Veranstaltungen zwischen den Kulturen vermitteln können, beziehungsweise auch Ängste nehmen können?
Ich finde die Kultur sehr wichtig, hier in Neukölln beweisen das gerade Veranstaltungen wie 48 Stunden Neukölln, die Brücken bauen können. Gerade in diesem Kiez wird sehr viel getan, um etwas zu bewegen, den Menschen etwas zu vermitteln, so dass man hier auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl verspürt. Gerade die kulinarische Integration, das Essen, das verbindet und zeigt auch, wie sich die deutsche Küche dadurch verwandelt hat. Ich muss allerdings auch einschränken, dass ich nicht die ganze Zeit in Deutschland gelebt habe. Ich war nach dem Abitur sechs Jahre lang in den USA, was mich stark geprägt hat, da ich dort sehr viele afro-amerikanische Freunde hatte, dann war ich kurze Zeit in Belgien und ein Jahr lang in Korea. Meine Erfahrungen in Deutschland waren nicht unbedingt nur positiv, denn als ich Deutschland verlassen habe, zur Zeit der Wiedervereinigung, da passierten die hässlichen Vorkommnisse in Mölln oder Rostock, um nur einige zu nennen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich immer das Gefühl, ich wäre ein Teil von Deutschland, ich wäre ein Deutscher, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt noch keine deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Aber nachdem diese Angriffe auf Ausländer passierten, bin ich auch das erste mal auf der Straße mit den Worten „Verschwinde! Hau ab!“ beschimpft worden. Durch diese Erlebnisse ist etwas in mir zusammengebrochen und ich habe dies erst durch mein Politikstudium in Amerika aufarbeiten können. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich über den Tellerrand hinwegschauen durfte, weil ich wahrscheinlich die tägliche Diskriminierung hier in Deutschland für normal gehalten hätte. Um noch einmal auf das Thema „Integration“ zurück zu kommen: wir übersehen dabei auch immer, dass es sehr viele Deutsche gibt, die wieder in die Gesellschaft integriert werden müssen. Das sind die Menschen, die untertariflich verdienen oder Hartz-IV beziehen, und die dadurch am gesellschaftlichem Leben, wie man so schön sagt, nicht mehr teilnehmen können. Und gerade die Kinder aus diesen unteren Schichten trifft es am härtesten. Und um diese Kinder und auch Schulen zu unterstützen, veranstalte ich in Krefeld zusammen mit meinem ehemaligen Eishockey-Verein, die Krefelder Pinguine, Benefinz-Spiele, deren Erlös dann den Schulen zugute kommt. Und wenn sich die Menschen kulturell und auch sozial so engagieren würden, wie zum Beispiel ihr hier in Neukölln, dann könnten wir gemeinsam den Blick in Richtung Zukunft werfen.
Das ist doch ein schönes Schlusswort und wir bedanken uns für das Gespräch.
 Erica Fischer
Interview mit der österreichischen Schriftstellerin Erica Fischer
Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-STUNDEN-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Die Autorin Erica Fischer wurde 1943 in St. Albans (England) geboren, wo ihre Eltern nach dem so genannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 Aufnahme fanden. Nach dem Krieg kehrten die Eltern mit ihren beiden Kindern nach Wien zurück. Dort studierte Erica Fischer am Dolmetscherinstitut der Universität Wien. Anfang der 70er Jahre zählte sie zu den Gründerinnen der Neuen Frauenbewegung Österreichs und war Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift AUF – Eine Frauenzeitschrift und der Buchhandlung Frauenzimmer, die leider 2007 schließen musste. Seit 1988 lebt sie als freie Autorin und Übersetzerin in Deutschland, seit 1994 in Berlin, davon elf Jahre in Neukölln. Ihre dokumentarische Erzählung «Aimée & Jaguar» (1994) wurde ein Bestseller, in zwanzig Sprachen übersetzt und verfilmt. 2003 erschien «Die Wertheims» (gemeinsam mit Simone Ladwig-Winters), 2007 «Himmelstraße», die vielbeachtete Lebensgeschichte der Autorin. 2009 wurde Erica Fischer mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes geehrt.
Frau Fischer, Sie sind in England geboren, in Österreich aufgewachsen und leben seit 22 Jahren in Deutschland. Sie sprechen die deutsche Sprache, zwar mit österreichischem Akzent, aber Sie haben keine Verständigungsprobleme. Sie sagen selbst, Ihr österreichischer Migrationshintergrund wird hier zwar nicht wahrgenommen, aber er ist einer. Können Sie Ihr „Fremdsein“ etwas genauer erklären?
Ja, im doppelten Sinn: als Jüdin in einem deutschsprachigen Land erlebe ich eine gewisse Fremdheit, wobei ich sie in Deutschland weniger spüre, als ich sie in Österreich gespürt habe. Das war auch einer der Gründe, warum ich nicht mehr in Österreich leben wollte. Und als Österreicherin, also ich bin in Österreich akkulturiert, wie man sagt, habe vierzig Jahre dort gelebt und das lässt sich weder sprachlich noch kulturell verbergen. Ja, ich bin fremd bis zu einem gewissen Grad, aber das wird immer weniger. Der Grund ist, dass ich über Österreich immer weniger weiß und die österreichische Politik nicht mehr verfolge, weil mich das einfach nicht mehr interessiert. Ich lebe hier und deshalb interessiere ich mich für dieses Land. Aber in der ersten Zeit habe ich schon gespürt, dass ich eine andere Kultur habe. Ich bin mit einer anderen Literatur aufgewachsen, ich habe in Österreich wesentlich mehr gen Osten geblickt und ich war zutiefst erschrocken, als ich nach Berlin kam, über die Polenfeindlichkeit hier. Das habe ich, zumindest in meiner Erinnerung, so in Österreich nicht erlebt. Österreich ist balkanischer und östlicher. Dann haben wir Österreicher eine spezielle Art von Humor, die hier nicht verstanden wird, so einen gewissen Sarkasmus oder Zynismus. Oft sage ich Dinge, die nett gemeint sind, aber das wird dann missverstanden. In Wien gehen wir halt so miteinander um, ein bisschen hintergründig und ein wenig bösartig. Aber dieser berühmte „Wiener Schmäh“ wurde in Köln, wo ich zuerst gelebt habe, nicht verstanden, seltsamerweise geht es in Berlin besser. Mittlerweile habe ich mich so sehr angepasst, dass ich mich nicht mehr so verhalte. Ich habe mich eine Zeit lang stärker als Österreicherin gefühlt, das ist jetzt aber schon Vergangenheit. Nur wenn die Leute sagen „Ach, was sprechen Sie für einen reizenden Dialekt, dann ärgere ich mich zutiefst. Es ist kein Dialekt, es ist ein Akzent, ein süddeutscher Akzent, Dialekt ist ganz was anderes. Wir haben zuhause immer hochdeutsch gesprochen, da meine Mutter eine Polin war und Jüdin. Aber natürlich spreche ich auch Wiener Dialekt, den habe ich mir nach 1968 angewöhnt, weil es damals Mode war, so zu sprechen wie das Proletariat.
Sie behaupten, Sie wären nicht integriert, man würde Ihnen das nur nicht anmerken. Wie meinen Sie das?
Ich habe kürzlich gerade in einem Text in der TAZ gelesen, dass eigentlich überhaupt kein Mensch integriert ist. Also, was heißt das? Ich kann das gar nicht fassen. Na ja, ich habe nie in einem Angestelltenverhältnis gearbeitet. Heute ist das ja normal, aber als ich eine junge Frau war, waren die meisten irgendwo angestellt und sind fünf Tage in der Woche arbeiten gegangen. Ich habe drei Monate lang in einer Firma gearbeitet, nach dem Studium, da habe ich festgestellt: Das ertrage ich nicht, das würde mich umbringen. Seitdem habe ich immer frei gearbeitet. In erster Linie, glaube ich, weil ich in der Früh nicht aufstehen kann, aber das ist sicher nicht der einzige Grund. Insofern bin ich nicht in eine Gemeinschaft integriert, im Sinne von Unterordnung und Anpassung. Dann habe ich keine Kinder, war sehr lange nicht verheiratet. Ich habe sozusagen meine Aufgabe als Frau nicht erfüllt. Ich war, nein, bin Feministin, war und bin immer eine Linke gewesen, das alles gehört nicht zum Mainstream. Wenn man sich unter Integration so einen ideellen Gesamtdeutschen vorstellt, dann passe ich da nicht hinein. Das geht vielen so, und ich habe damit auch kein Problem. Als Tochter einer Jüdin und als Tochter von Emigranten habe ich gelernt, am Rande der Gesellschaft zu leben und mich niemals als Teil der Mehrheit zu fühlen. Ich finde es an diesem Rand aber recht angenehm und in Berlin ganz besonders, weil da so viele am Rand leben. Der Rand ist vielleicht größer als die Mitte.
Sie sind eine der Gründerinnen des österreichischen Feminismus. Hier in Deutschland stoßen die Feministinnen, und nicht nur die, im Umgang mit den muslimischen Frauen an ihre Toleranzgrenzen. Kopftuch ja oder nein? Burka ganz verbieten? Die Feministinnen in den westlichen Ländern haben in den letzten Jahrzehnten einiges erreicht. Die Angst, durch eine um-sich-greifende-Islamisierung wieder ins Mittelalter katapultiert zu werden, ist groß. Haben Sie eine Idee, wie wir lernen können, mit dieser Problematik umzugehen?
Ach so, Sie meinen jetzt die Spaltung der Frauenbewegung. Na ja, das war ja nie ein monolithischer Block. Nur in der allerersten Zeit, als es notwendig war, eine gemeinsame Identität zu finden. Die Zeit von „Frauen sind gemeinsam stark“ und „Sisterhood is powerful“ ist vorbei, aber schon damals gab es in der Frauenbewegung Spirituelle, „Bauchfrauen“ und Theoretikerinnen. Ich habe mich nie für die Innensicht meiner Vagina interessiert. Mein Blick ging auf die gesamte Gesellschaft, für mich war der Feminismus eine Theorie, die die gesamten Herrschaftsverhältnisse verändern wollte. Nicht nur die von Männern über Frauen, sondern allgemein. Schon allein wegen meines familiären Hintergrundes war Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein ganz wesentlicher Aspekt meiner feministischen Identität. Was sich jetzt unter den Feministinnen abspielt, allen voran die unvermeidliche Alice Schwarzer, ist einfach grauenhaft. Für mich ist es Rassismus pur und eine völlige Unfähigkeit, sich in Gedankengänge, Lebenssituationen und Gefühle anderer Menschen hinein zu versetzen. Ich habe kein Problem damit, eine ganze Reihe von Argumenten zu finden, warum junge Frauen Kopftücher tragen. Und der Zwang, durch den Vater oder die Community, ist nur ein Aspekt, aber nicht der einzige. Mir ist es eigentlich völlig egal, was die auf dem Kopf haben, bevor ich sie nicht kenne, mit ihnen gesprochen habe, mehr weiß über sie. Ich sehe so viele grauenhaft angezogene junge Frauen, die in einer Weise ihren Körper öffentlich darbieten. Das regt mich eigentlich mehr auf, ja, aber auch das muss ich tolerieren. Und nochmals zu Alice Schwarzer: Das ist ein Unglück für dieses Land und die Debatte, dass es in Deutschland nur eine Person gibt, die den Feminismus repräsentiert. Dadurch wissen wir gar nicht, wie viele verschiedene Stimmen es gibt, die gehen unter. Mir fällt dazu jetzt Birgit Rommelspacher ein, die eine ganz andere Meinung vertritt, aber in den Medien nicht vorkommt. Es ist natürlich einfacher für die Medien, immer nur auf Alice Schwarzer zurück zu greifen. Die hat es nie interessiert, was außerhalb von Deutschland passiert, maximal noch in Frankreich, wo sie längere Zeit gelebt hat. Was es zum Beispiel in Ländern der Dritten Welt für tolle Frauen gibt, die ihren eigenen Weg suchen.
Das ist ein guter Übergang zur nächsten Frage. Sie wurden kurz nach dem 11. September 2001, nach einer Informationsveranstaltung über die Lage in Afghanistan, von der Exil-Afghanin Mariam Notten gefragt, ob Sie mit ihr zusammen deren Familiengeschichte aufschreiben würden. Sie haben das Buch „Ich wählte die Freiheit – Geschichte einer afghanischen Familie“ mit ihr geschrieben. Inwieweit hat das Ihre Sichtweise auf Afghanistan geprägt oder sogar verändert?
Ich wusste damals über Afghanistan wenig, ich hatte lediglich davor im Rahmen des Journalistinnenbundes mit einer Kollegin eine Veranstaltung über Frauen in Afghanistan organisiert, weil ich entsetzt war, was den Frauen unter den Taliban geschieht. Sie fand im Haus der Kulturen der Welt statt, und bis auf ein kleines Grüppchen von der afghanischen Community war der Besuch mager. Vom Journalistinnenbund war eine einzige Frau im Publikum, aber von der Frauenbewegung war keine da. Das hat die offenbar damals nicht interessiert und jetzt lassen sie sich politisch instrumentalisieren. Okay, insofern wusste ich ein bisschen was über Afghanistan, weil ich einige Veranstaltungen darüber besucht hatte. Aber je mehr Mariam mir erzählte, desto größer wurden meine Ohren. Für jemanden, der in diesen geordneten westeuropäischen Verhältnissen aufgewachsen ist, ist ihre Familiengeschichte einfach unfassbar. Ich habe durch diese Zusammenarbeit eine Menge gelernt, natürlich, aber geprägt, ich weiß nicht? Ich habe mich grundsätzlich in meinem Leben nicht so viel verändert, wie so viele andere Menschen. Ich bin vielleicht etwas sanfter geworden, milder, weniger radikal, aber grundsätzlich habe ich immer ein großes Interesse für die Dritte Welt gehabt und für die Frauen in der Dritten Welt. Als ich jung war, da war ja noch die Phase der Entkolonisierung und das ist bei mir so geblieben: ein großer Respekt für das, was Frauen unter unglaublichen Umständen zu leisten in der Lage sind. Das kann man mit unserer bequemen Situation überhaupt nicht vergleichen. Wie oft haben beispielsweise im Iran, wo die Frauen gezwungen sind, den Schleier zu tragen, die Frauen gesagt: „Der Schleier ist nicht das Wesentliche, es gibt andere Dinge, die wesentlicher sind“. Natürlich sind Steinigungen und Ehrenmorde grauenhaft, keine Frage, das muss man nicht diskutieren. Aber das sind einzelne Fälle, wie auch hier Männer ihre Frauen ermorden. Wenn hier ein Mann seine Frau und noch dazu die Kinder erschießt, dann heißt es nicht, das sei ein typisch christliches Verbrechen.
2002 haben Sie in einem Interview die Auffassung vertreten, man könne nicht radikal und gleichzeitig differenziert sein. Wie sehen Sie das heute?
Ja, das stimmt, das habe ich geschrieben. Sie haben sich ja richtig gut eingelesen! Ja, ich denke, es bedarf in der Phase der Selbstfindung einer Bewegung einer Radikalität und einer gewissen Vereinfachung. Dass man klar erkennt, wofür die Bewegung steht. Aber wenn ich an meine eigene Geschichte denke: Ich bin nie so weit gegangen, lesbisch zu sein. Es hieß ja: Feminismus ist die Theorie – Lesbianismus die Praxis. Das hab ich theoretisch auch für richtig gehalten, nur, was soll man machen? Natürlich habe ich herumexperimentiert, das haben wir damals alle, aber es hat nie so richtig gefunkt. Deshalb war ich immer ein rotes Tuch für die Lesbenbewegung – einerseits war ich damals in Österreich politisch sehr radikal und an vorderster Front, und andererseits war ich nicht lesbisch. Meine theoretische Position war die, dass die Männer zwar von ihrer eigenen Machtposition profitieren, aber trotzdem auch einen großen Verlust erleiden, sie also von einer Veränderung der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern auch einen Vorteil hätten. Damals hat mich die Liebe umgetrieben, ich habe darunter gelitten, dass Liebe zwischen Ungleichen eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Damit habe ich meine diversen Freunde auch gequält. Ich wollte Liebe, aber gleichberechtigte Liebe. Radikal war ich trotzdem, in der öffentlichen Wahrnehmung galt ich bei manchen als Schreckgespenst, eine Zeitlang war ich das österreichische Pendant zu Alice Schwarzer in Deutschland. Durch meinen Umzug nach Deutschland habe ich mich aus der aktiven politischen Arbeit verabschiedet. Aber selbst, wenn ich hier dabei geblieben wäre: eine Alice Schwarzer wäre ich nie geworden und deshalb für die Medien nicht so gut benutzbar.
Die derzeitige Integrationsdebatte wird sehr emotional geführt. Beim Stöbern in verschiedenen Blogs stößt man gehäuft auf Beiträge, in denen Menschen aller Bevölkerungsgruppen und politischen Lager ihren Unmut kundtun. Tendenziell zeichnet sich eine zunehmend ausländerfeindliche Haltung ab. Teilen Sie diese Wahrnehmung?
Na ja, ich habe allerdings Probleme mit dem Wort „ausländerfeindlich“. Gerade weil ich Ausländerin bin. Ich würde es als Rassismus bezeichnen, denn es richtet sich ja nicht gegen alle Ausländer. Es richtet sich nicht gegen die Schweizer und auch nicht gegen die Österreicher. Es richtet sich gegen ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen. Als ich nach Berlin kam, waren es die Polen, was sicher mit der deutschen Geschichte zu tun hatte, aber auch damit, dass die Polen bitterarm waren. Die kamen daher, verkauften auf dem Polenmarkt ihre fünf Sachen, kauften sich dann hier Elektronik und waren schlecht angezogen. Aber seit dem Beitritt Polens in die EU und seitdem man weiß, wie fleißig die polnischen Handwerker sind, hat sich die Feindlichkeit verloren. Und die Türken sind doppelt schlecht dran: einerseits sind sie arm und ungebildet, die Mehrheit jedenfalls, aber ich sehe auch mit großer Genugtuung und Freude, dass immer mehr türkische Namen in den Medien erscheinen, in den Bereichen der Kunst, der Medien, der Politik und im Geschäftsleben. Ja, und dann kommt noch der Islam dazu, die Anschläge und der Terrorismus. Das wird dann einfach dem Islam in die Schuhe geschoben, obwohl das eine politische Entwicklung ist, die mit dem Islam selbst nichts zu tun hat. Ich selbst bin absolut areligiös, ich sage zwar, ich bin Jüdin, aber nur aufgrund des kollektiven Verfolgungsschicksals, mehr nicht. Wenn meine Großeltern nicht ermordet worden wären, wenn meine Mutter nicht hätte fliehen müssen, dann hätte niemand in unserer Familie das Wort „Jude“ jemals in den Mund genommen. Das war irrelevant, meine Mutter war Kommunistin. Der Begriff „Jüdin“ ist zwar ein wichtiger Teil meiner Identität, aber es hat nichts mit Religion zu tun. Ich bin sogar verärgert, dass ich mich mit Religion auseinander setzen muss, aber ich nehme es zur Kenntnis, dass die gesellschaftliche Entwicklung in diese Richtung geht. Weil ich nicht religiös bin, kann ich vielleicht so tolerant sein: wenn Menschen meinen, sie müssen beten, dann sollen Sie es tun. Wenn Menschen ein Kopftuch tragen wollen, dann sollen sie es tun.
Frau Fischer, wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch.
Interview mit Niki Reister und Pigi Mourmouri von „Perivoli – Interkultureller Garten“ vom Förderverein To Spiti e.V.
Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-STUNDEN-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Seit seiner Gründung (1995) unterstützt der Förderverein die vielfältigen Aktivitäten von To Spiti – Interkulturelles Frauen- und Familienzentrum im Hinblick auf dessen sozialpädagogische Beratungsarbeit und kulturelle Vorhaben. Eines der innovativsten Projekte des Vereins ist der Garten Perivoli. Perivoli – das griechische Wort für Garten – wurde 2002 von der griechischen Seniorengruppe des Zentrums To Spiti initiiert und ist Berlins erster interkultureller Garten. Mit Unterstützung des Bezirksamts Neukölln und des Bezirksbürgermeisters ging ein lang gehegter Traum in Erfüllung und in der malerischen Oase in Neukölln-Britz gärtnern heute Menschen aus zehn Nationen. Auf dem 3500 m² großen Grundstück befinden sich neben den Beeten und zahlreichen Obstbäumen auch vier Bienenvölker, die den Honig liefern. Der Garten ist eine sinnvolle Ergänzung zu den anderen Angeboten von To Spiti, wie zum Beispiel die Gartenschulungskurse, die an der Volkshochschule angeboten werden und die die Integration fördern.
Vielleicht können wir damit beginnen, dass Sie uns kurz schildern, wie die Arbeit des Fördervereins praktisch aussieht, wie viele Menschen sich in dem Verein engagieren und welche Aufgaben sie konkret wahrnehmen?
Niki Reister: Ich muss kurz ausholen: Der Förderverein To Spiti ist ein gemeinnütziger Verein, der in einer schwierigen Situation entstanden ist. 1995 sollte das Zentrum To Spiti schließen. Der Senat dachte, man bräuchte kein extra Zentrum für die Griechen. Die sind ja in der Europäischen Union, die sind ja integriert. To Spiti war das erste Interkulturelle Zentrum in Neukölln, welches 1980 gegründet wurde. 15 Jahre später wurde die Lage schwierig, vor allen Dingen finanziell, und man musste kürzen und kam daraufhin auf die Idee, To Spiti zu schließen. Wir haben uns natürlich dagegen gewehrt, es gibt heute noch zwei Ordner mit Protestbriefen an den Senat. Ja, das war eine Kampfsituation, das hat lange gedauert, aber wir haben es geschafft: To Spiti wurde weiter finanziert und gefördert. Wir haben damit auch ein Zeichen gesetzt, durch die Gründung des Fördervereins 1995. Anfänglich waren es 120 Mitglieder, hauptsächlich Griechen und Deutsche, aber auch ein paar andere. Jetzt sind es so um die 60 Mitglieder, da viele Griechen nach Griechenland zurückgegangen sind. In jedem Verein gibt es eine Kerngruppe von aktiven Mitgliedern, so auch bei uns. Der Interkulturelle Garten ist ein Beispiel dafür: er ist zwar durch die griechischen Senioren sozusagen aus dem Mutterprojekt entstanden, aber die Trägerschaft hat der Förderverein bis heute. Gott sei Dank, läuft es ganz gut, nicht nur mit Griechen und Deutschen, sondern mit vielen Nationalitäten, also wirklich interkulturell. Das heißt, es wird etwas miteinander gemacht, nicht parallel. Einmal im Monat findet ein Plenum statt, wo wir uns treffen, austauschen und besprechen, was zu tun ist und wo auch, falls nötig, Kritik ausgeübt wird. Wir sind auch deutschlandweit mit anderen Interkulturellen Gärten vernetzt. Die Stiftung Interkultur hat das Netzwerk aufgebaut, koordiniert die Arbeiten und vermittelt Praxisseminare wie zum Beispiel „Saatgutvermehrung“ und vieles mehr.
In Neukölln leben Menschen aus über 160 Nationen, darunter ca. 1.370 Griechen. Verglichen mit anderen Migrantengruppen ist diese Zahl vergleichsweise hoch, macht aber wenig von sich reden. Lässt sich daraus schließen, dass die griechischen Zuwanderer verhältnismäßig gut integriert sind?
Niki Reister: Was heißt integriert? Das ist ein magisches Wort. Es gibt verschiedene Erklärungen: Wenn man zum Beispiel in eine Schule mit -zig anderen Migrantenkindern geht, die aber nicht alle der gleichen Religion angehören, sondern einige zum Beispiel ein Kreuz tragen, dann hat man Probleme. Man wird beschimpft, denn genau das haben wir bei unserer Arbeit erlebt. Man versucht sich zu integrieren. Aber was ist das für eine Integration? Das ist zwar ein extremes Beispiel, aber ich verstehe unter Integration ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wenn man das so sieht, dann haben die Griechen wirklich eine ganze Menge gegeben und das zeigen wir in unserer Ausstellung am 5. November in der Genezareth-Kirche in der Schillerpromenade am Beispiel von acht Menschen griechischer Herkunft, die erzählen, was für sie Heimat und Integration bedeutet.
Gemeint war ja in erster Linie, dass es kaum negative Schlagzeilen über die Griechen gibt. Was in Neukölln so eigentlich unüblich ist.
Pigi Mourmouri: Ich glaube, das hat auch etwas mit den Schulklassen zu tun, in die die griechischen Kinder gehen. Es war wirklich interessant, was wir durch die Interviews erfahren haben. Eine Frau hat zum Beispiel gesagt, dass Integration für sie bedeute, dass man die deutsche Sprache lernt. Dadurch kann man in einer Gruppe von verschiedenen Migranten in einer Sprache, nämlich deutsch, kommunizieren. Das heißt, die Griechen achten darauf, dass ihre Kinder in eine Schule gehen, in der der Migrantenanteil nicht überwiegt. Ich finde allerdings, dass die griechischen Kinder nicht gut integriert sind in das deutsche Schulsystem. Zwar besuchen viele Kinder griechischer Abstammung das Gymnasium, beziehungsweise es gibt auch die Schulen für muttersprachlichen Unterricht. Viele sind auch nach Griechenland zurückgegangen und haben dort studiert. Aber da stecken die Eltern dahinter. Die Griechen sind sehr darauf bedacht, dass ihre Kinder eine gute Bildung bekommen. Diese erste Generation von Migranten kam nicht nur hierher, um Geld zu verdienen und dann zurück zu gehen, sondern sie ist geblieben. Sie wollte, dass aus ihren Kindern etwas wird und hat dafür auch viel investiert. Und das, obwohl die erste Generation von Einwanderern aus ganz ärmlichen, ländlichen Verhältnissen kam. Dass deren Kindern hier Abitur gemacht haben und studieren konnten, ist für mich ein großer Erfolg und auch ein Integrationsprozess. Trotzdem haben die Kinder ihre Ursprungs-Kultur nicht verloren, sie bezeichnen sich als Deutsch-Griechen oder als Berliner Griechen. Viele sagen auch, dass Integration bedeutet, sich in einer Gesellschaft wohl zu fühlen. Die Frauen, zum Beispiel, die durch Heirat aus Griechenland nach Deutschland gekommen sind, haben für sich den Anspruch, die deutsche Sprache zu lernen. Sie wollen die Sprache lernen, um hier leben und auch arbeiten zu können. Sie sehen das als Bereicherung an, als eine der vielen Möglichkeiten, die dieses Land ihnen bietet.
Niki Reister: Ja, wir haben durch unsere Interviews, die wir für die kommende Ausstellung geführt haben, sehr viel mehr über die griechische Gemeinschaft hier erfahren, als in dreißig Jahren Sozialarbeit. Ich habe jetzt etwa vier oder fünf Gespräche geführt und bin sehr erstaunt darüber, wie offen die Menschen sind, wie sie zum Beispiel über ihre Kindheit berichten. Ich war gestern bei einem jungen Künstler, der ist im Rollbergviertel aufgewachsen. Seine Freunde waren Araber, Türken, Jugoslawen, eben Menschen aus vielen verschiedenen Nationen. Immer wenn er mit seinen Eltern aus dem Griechenland-Urlaub zurück kam und sie über Drei-Linden herein fuhren, dann jubelte er: „Ich bin wieder zuhause, in West-Berlin“. Und als er wieder im Rollbergviertel ankam, hat er sich riesig gefreut, seine Freunde wieder zu sehen. Das alles hat ihn auch in seiner Arbeit sehr inspiriert. Er ist Maler und als Künstler eine interessante Persönlichkeit geworden. Er ist nicht stecken geblieben in seinem Ghetto, er hat sich weiter entwickelt. Er sagt selbst, dass er, falls er irgendwohin auswandern würde, sofort als erstes die dortige Sprache lernen würde. Das ist das A und O, denn ohne Sprachkenntnisse kommt man nirgends weiter. Deshalb legen wir bei To Spiti auch so viel Wert auf die Sprachkurse und auch die anderen Kurse, die wir über die Volkshochschule anbieten. Und die Kurse werden auch wahrgenommen von den Griechen, und davon besonders die Deutschkurse.
Pigi Mourmouri: Gerade die Hartz-IV-Empfänger, die haben die Möglichkeit, die Deutsch-Kurse kostengünstig oder sogar kostenlos zu besuchen. Wir empfehlen es ihnen immer wieder, beziehungsweise setzen wir sie auch ein bisschen unter Druck damit, dass sie ganz andere Chancen haben, wenn sie die deutsche Sprache erlernen. Man wird als Migrant auch erst ernst genommen, wenn man die deutsche Sprache spricht und es eröffnen sich ganz andere Perspektiven. Wer hier bleiben will, muss die deutsche Sprache lernen. Das ist notwendig.
Sie können natürlich nicht für alle Griechen sprechen, aber Sie persönlich können uns schildern, was Sie mit ihren griechischen Wurzeln verbindet und was Sie an Ihrer Kultur auf keinen Fall missen möchten? Sind das in erster Linie Dinge wie das Essen, die Musik, die Sprache oder gehören dazu auch andere Aspekte, wie etwa spezielle Auffassungen und Werte?
Niki Reister: Meine Herkunft ist mein selbstverständliches Dasein, das wünsche ich mir auch hier. Das heißt, wenn ich hier bin, möchte ich, dass ich so angenommen werde, wie ich bin, auch äußerlich, denn die Identität ist das A und O eines jeden Menschen. Ich trage meine Kultur mit mir, überall wo ich bin und ich nehme meine Wurzeln überall mit hin. Wenn man nicht die Sicherheit seiner eigenen Identität hat, dann kann man sich anderen gegenüber nicht öffnen. Das ist meine persönliche Erfahrung. Ich habe hier eine ganze Menge gelernt und das möchte ich niemals missen. Ich würde auch Berlin nicht verlassen wollen, denn ich lebe gerne in Berlin. Natürlich freue ich mich jedes Mal, wenn ich in meine Heimat nach Piräus und Umgebung komme, denn wir sind eine große Familie. Aber ich komme auch wieder sehr gerne nach Berlin zurück. Denn mittlerweile habe ich auch hier Wurzeln geschlagen, hier in diesem Garten, bei To Spiti mit den Leuten, die ich mag und sehr schätze. Das ist für mich auch ein Stück Familie oder auch Heimat.
Pigi Mourmouri: Dem kann ich nur hinzufügen, dass auch mich beide Kulturen, die griechische und die deutsche, geprägt haben. Ich bin jetzt seit über vierzig Jahren hier und die Freunde, die ich habe, haben ähnliche Erfahrungen in zwei Kulturen gemacht und es findet darüber ein reger Austausch statt. Wir wissen alle, was es heißt, Migrant zu sein und das verbindet in der neuen Heimat.
Das ist ein schönes Schlusswort und wir bedanken uns bei Ihnen beiden für das Gespräch.
Von Emily Pütter
Ein Grund, mir diese Ausstellungsform auszudenken war ja auch, dass das Format immer gleich ist: eine Tasche 40×45 plus Henkel, also gut zu transportieren, zu hängen und zu dokumentieren. Soweit verständlich, oder? Aber in der kreativen Welt passiert eben Transformation und manchmal auch Transzendenz.
Also, meine Einfachhaltung ging schnell zu Bruch, mittlerweile begieße ich täglich auf meinem Balkon eine in ein Biotrop verwandelte Tasche von Klemm, eine in einen Riesenigel transformierte sticht alles weit und breit, eine mit einem Silikonpenis und Glitter und Flimmer muss mit Samthandschuhen behandelt werden, eine andere, die mit leeren chinesischen Glückskekstütchen behängt ist, flattert so zerbrechlich, wie eben diese Abfälle im Wind, was sie auch genauso aussagen will und braucht eine extra Kiste, oder Herons Kulturfitnessprogrammtasche, die unser Gewissen beunruhigt ……die Aufzählung ist lang, aber morgen geht es zu wie bei dem Bau der ägyptischen Pyramiden, denn es kommt eine Skulptur, die eine halbe Tonne wiegt, Monate gewachsen ist und eine größere, logistische Vorbereitung braucht, um überhaupt transportiert werden zu können.
Laster, Kräne und Aufzüge werden benötigt und für die letzten 100 Meter auf Kiesboden muss eine Holzplanke nach der anderen gelegt werden, um soweit langsam vorwärts zu kommen. Aber damit nicht genug: es müssen auch noch drei muskulöse, durchtrainierte Kerle gesucht werden, die dabei helfen. Genau 48 Stunden kann man dieses Eiskunstwerk dann bewundern …. dann taut es langsam und sichtbar auf und wird wieder, was es war: eine einfache Vintage-Tasche, ein Produktionsrest der Ex-DDR und all das Eisgebilde ist nur noch Erinnerung. Wir konnten mal kurz in Uraltes, Allerneuestes schauen, einem Wunder begegnen und das 48 Stunden lang in Neukölln im Körnerpark dank Christian Funk.
Von Ulrike Dörner
Die schönsten Geschichten schreibt ja bekanntermaßen das Leben selbst. Genauer gesagt: das 48-Stunden-Leben. Für das Ausstellungs-Quiz „Neuköllner Gesichter“ wird händeringend eine Schneiderpuppe gesucht, die eine Uniform tragen soll. Schneiderpuppen liegen nun mal nicht gerade auf der Strasse herum, aber manchmal stehen sie in fremden Treppenhäusern und schauen aus dem Fenster. Man könnte denken, sie würden auf einen warten. In diesem Fall steht das Objekt der Begierde im Treppenhaus des Gebäudes, welches das Kulturamt Neukölln und das Volkstheater „Heimathafen“ beheimatet. Die gestresste Redakteurin versucht ihr Glück zuerst im Kulturamt. „Gehört euch diese Puppe in eurem Treppenhaus?“ Kopfschütteln. „Nein, uns gehört sie nicht. Die gehört bestimmt zum Heimathafen!“ Ein Stockwerk höher, die gleiche Frage. Auch das Team vom Heimathafen hat mit der Puppe nichts zutun. „Aber frag doch mal oben im Studio nach, da tagt gerade die Volkshochschule. Vielleicht haben die sie mitgebracht.“ Auch die Damen von der Volkshochschule, die gerade ein Seminar abhalten, können die Frage nur verneinen. Wieder zurück zum Heimathafen. „Na dann nimm die Puppe doch einfach mit und bring sie nach der Ausstellung wieder zurück. Gesagt – getan. Stolz trägt die erfolgreiche Requisiteurin die Puppe die Treppe hinunter. Da kommt ein Mann aus der Küche vom Cafe Rix: „Was machst du denn mit meiner Puppe?“ „Wie, deine Puppe?“ „Ja, die habe ich vor Jahren aus Istanbul mitgebracht.“ Die eingeschüchterte Redakteurin: „Würdest du sie uns denn für eine Ausstellung innerhalb 48-Stunden-Neukölln ausleihen?“ Da lacht der nette Mann: „Ich heiße übrigens Bernd und ich leihe sie euch gerne aus.“
Wie heißt es so schön: Dem Redaktör ist nichts zu schwör!
Von Resi Dänz am Schifffahrtskanal
Im November 2009 erreichte mich eine Mail. Heimathafen e.V. suchten für die Produktion eines Theaterstückes Neuköllner MusikerInnen. “Wie klingt eigentlich der Hermannplatz?” Ja wie klingt der denn?
Zusammen mit Suli Puschban stürzte ich mich ins Getümmel, wir reichten als Combo Zentralflughafen ein Demotape ein, und begleiteten das Stück “Hermannplatz” bei der Entstehung, trugen Originalton-Samples, Musikloops, Rhythmen zusammen…
Wie klingt eigentlich der Hermannplatz?
Das Stück war ein Erfolg. Es lief von Februar bis Mai. Ich saß am Ton und in mir arbeitete es weiter. Klingt so der Hermannplatz? Aber es fehlt doch noch der Countrysound des Imbiss, das melodische Rufen auf der U-Bahntreppe, die Melodie des Lungerns…
Die Hermannplatzmusik ließ mich nicht los. Aus den Tönen schnitt ich Rhythmen, die eingefangenen Stimmen schnitt ich zu einem Lied. Kann irgendjemand erklären, warum die Menschen auf dem Hermannpaltz so häufig in A-Dur singen und rufen? Ein Mysterium. Liegt es an den Gongs von Bus und U-Bahn, die ebenfalls zu A-Dur passen?
Lieder entstanden. Einige Texte des Theaterstückes flossen ein. Zum Teil als Samples, zum Teil als Inspiration für Liedtexte. Die Hermannplatzmusik entwickelte ein Eigenleben. Und ich entschied, das Zwischenergebnis bei 48 Stunden Neukölln zu Gehör zu bringen. Einen wunderbaren Raum dafür hatten wir ja.
Und genau dann traf ich Ines Borchart wieder. Wir redeten über Berufliches und drei Tage später schrieb sie mir noch eine Mail dazu. Im PS stand: “Machst du in diesem Jahr eigentlich auch wieder bei den 48 Stunden mit? Ich hatte mir mit Tanja ein Fotoprojekt über den Hermannplatz vorgenommen. Aber irgendwie läuft alles nicht so richtig, und alle Ausstellungsmöglichkeiten haben sich zerschlagen…”
Meine Antwort: “Aber das ist doch völlig klar, dass das alles nicht geklappt hat. Schließlich müsst ihr hier bei uns ausstellen. Denn hier läuft bereits die Musik zu euren Fotos!”
Wie klingt eigentlich der Hermannplatz? Am idyllischen Wildenbruchpark versuchen wir in diesem Jahr eine vorläufige Antwort….

von Eleonore Prochaska
Nach meiner Militärzeit in Afghanistan im Camp Marmal ziehe ich nun nach Neukölln. Ich hänge meine Uniform an den Nagel, bin 28 Jahre alt und will nun studieren – was, weiß ich noch nicht. Erst einmal ankommen. Ich ziehe am 48 Stunden Neukölln Wochenende in die Kirchgasse 60. Endlich eine eigene Wohnung, sie ist bezahlbar, schön geschnitten, allerdings ist sie etwas dunkel – was soll’s.
Ein paar Leute hier im Kiez habe ich über meinen jüngeren Bruder, der hier wohnt kennen gelernt. Mein Bruder ist Musiker. Er sagte mir 48 Stunden Neukölln mache süchtig. Jedes Jahr würde er mitmachen. Jedes Jahr, sagte er mir, verausgaben sich immer mehr sogenannte „Kulturschaffende“ die meisten leben in verletzlichen Existenzen. Man hält sich an Beuys Kunstbegriff „Jeder Mensch ist ein Künstler“.
Es wird jede Menge ohne Auftrag produziert, es werden Ideen umgesetzt, Projekte durchgeführt – art-power achtundvierzig stundenlanger Höhepunkt. Danach die Ernüchterung. – „Nein, nächstes Jahr, das schwöre er sich, würde man auf keinen Fall wieder mit machen, so eine Anstrengung, …verschenkt.
Dann im Februar, wenn die sogenannte „Große Runde“ die nächsten 48 Sunden Neukölln verkünden würde, würde man unruhig werden. Ideen und Projekte würden durch den Kopf geistern und – na klar mache man wieder mit!
Neulich habe ich mich als Autorin („unter 35 Jahren“) bei der Lesung „berlin lebenII“ im Schillerpalais neben neun anderen Autoren ausprobiert. Ich las Briefe, die ich während meines Militäreinsatzes an meinen Bruder geschrieben habe.
Danach war ich im Syndikat in der Weisestraße, einer Kneipe, die aus drei schwarzen Räumen, jeder Menge schwarz gekleideter voll tätowierten Menschen, mit mindesten 3 Piercings bestand, alle Tische waren besetzt. Einzig weiß war die elektrische Terrine aus den 80ern, in der die leckersten weiße Spargelcremsuppe die ich je gegessen habe gewärmt wurde. Die Suppe brachte man mir an den Tisch. „Das machen die sonst nie“, sagte einer der zwei Männer, an dessen Tisch ich saß. Ihre Gesichter waren grobe Gebirge, mit Gefällen, Narben, Unsymmetrien. Gesprochen wurde weiter nicht. Aber nun zum Schreiben. Vielleicht sollte ich es auch einfach sein lassen. 48 Stunden Neukölln wird es zeigen.

von Frank Kirchner
„48 Stunden Neukölln“ klingt wie ein Ultimatum oder gar eine Bedrohung. Was ist hier gemeint?
Ein doppelter 24 Stunden Service oder die Neuauflage des 70er Jahre Hits „48 Crash“ von Suzi Quatro?
Nichts dergleichen, vielmehr 48 Stunden – also 2 volle Tage – Kunst und Kultur in einem sozial schwierigen Umfeld, wo doch Außenstehende eher eine Kulturwüste erwarten.Wer also macht denn so etwas? Nun, ein Haufen Unentwegter schließen sich in einem Kulturnetzwerk zusammen und mobilisieren Potentiale die es scheinbar auch nur hier anzutreffen gibt.
„Neukölln-Nord“ Pseudonym für sozialen Abstieg und Hauptabnehmer für staatliche Transferleistungen vollzieht eine Kehrtwende. Kleinkunst im Großen Stil, über 200 Veranstaltungsorte tun sich auf und geben Einblick in Kreativität und Kulturverständnis der meist hier wohnenden Menschen. Jegliche Möglichkeit sein Schaffen darzustellen wird genutzt. Von Hinterhöfen, Straßenlandschaften, Kleingartenkolonien, Dachböden, Wohnungen bis hin zu einer alten Toilettenanlage am Kanal, wird alles bespielt.
Dabei sind den Künstlern nur wenig Grenzen gesetzt, diese ergeben sich auch nicht aus den Vorgaben der Veranstalter, als vielmehr aus den Auflagen des Ordnungsamtes und anderer staatlicher Institutionen. Gewisse Einschränkungen stören aber keinen wirklich, ist man hier doch erfindungsreich und improvisieren gewohnt. Vom Hermannplatz bis zur Ringbahn, von der Ankerklause bis auf das Gelände des ehem. Flughafens wird gewerkelt, gebastelt, kunstvoll gearbeitet und sich akribisch vorbereitet. Für wen eigentlich? Weder Aufkäufer für Guggenheim, noch Kunstmäzene aus New York oder Mailand sind hier je gesichtet worden.
Vielleicht für sich selbst, bestimmt für die Neuköllner und gewiss für den Bezirk als Ganzes und einer positiven Nachhaltigkeit die länger anhält als 48 Stunden.
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