Interview mit der österreichischen Schriftstellerin Erica Fischer
Das Interview führten Ulrike Dörner und Michaela Kirschning vom 48-STUNDEN-Team des Kulturnetzwerk Neukölln e.V.
Die Autorin Erica Fischer wurde 1943 in St. Albans (England) geboren, wo ihre Eltern nach dem so genannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 Aufnahme fanden. Nach dem Krieg kehrten die Eltern mit ihren beiden Kindern nach Wien zurück. Dort studierte Erica Fischer am Dolmetscherinstitut der Universität Wien. Anfang der 70er Jahre zählte sie zu den Gründerinnen der Neuen Frauenbewegung Österreichs und war Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift AUF – Eine Frauenzeitschrift und der Buchhandlung Frauenzimmer, die leider 2007 schließen musste. Seit 1988 lebt sie als freie Autorin und Übersetzerin in Deutschland, seit 1994 in Berlin, davon elf Jahre in Neukölln. Ihre dokumentarische Erzählung «Aimée & Jaguar» (1994) wurde ein Bestseller, in zwanzig Sprachen übersetzt und verfilmt. 2003 erschien «Die Wertheims» (gemeinsam mit Simone Ladwig-Winters), 2007 «Himmelstraße», die vielbeachtete Lebensgeschichte der Autorin. 2009 wurde Erica Fischer mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes geehrt.
Frau Fischer, Sie sind in England geboren, in Österreich aufgewachsen und leben seit 22 Jahren in Deutschland. Sie sprechen die deutsche Sprache, zwar mit österreichischem Akzent, aber Sie haben keine Verständigungsprobleme. Sie sagen selbst, Ihr österreichischer Migrationshintergrund wird hier zwar nicht wahrgenommen, aber er ist einer. Können Sie Ihr „Fremdsein“ etwas genauer erklären?
Ja, im doppelten Sinn: als Jüdin in einem deutschsprachigen Land erlebe ich eine gewisse Fremdheit, wobei ich sie in Deutschland weniger spüre, als ich sie in Österreich gespürt habe. Das war auch einer der Gründe, warum ich nicht mehr in Österreich leben wollte. Und als Österreicherin, also ich bin in Österreich akkulturiert, wie man sagt, habe vierzig Jahre dort gelebt und das lässt sich weder sprachlich noch kulturell verbergen. Ja, ich bin fremd bis zu einem gewissen Grad, aber das wird immer weniger. Der Grund ist, dass ich über Österreich immer weniger weiß und die österreichische Politik nicht mehr verfolge, weil mich das einfach nicht mehr interessiert. Ich lebe hier und deshalb interessiere ich mich für dieses Land. Aber in der ersten Zeit habe ich schon gespürt, dass ich eine andere Kultur habe. Ich bin mit einer anderen Literatur aufgewachsen, ich habe in Österreich wesentlich mehr gen Osten geblickt und ich war zutiefst erschrocken, als ich nach Berlin kam, über die Polenfeindlichkeit hier. Das habe ich, zumindest in meiner Erinnerung, so in Österreich nicht erlebt. Österreich ist balkanischer und östlicher. Dann haben wir Österreicher eine spezielle Art von Humor, die hier nicht verstanden wird, so einen gewissen Sarkasmus oder Zynismus. Oft sage ich Dinge, die nett gemeint sind, aber das wird dann missverstanden. In Wien gehen wir halt so miteinander um, ein bisschen hintergründig und ein wenig bösartig. Aber dieser berühmte „Wiener Schmäh“ wurde in Köln, wo ich zuerst gelebt habe, nicht verstanden, seltsamerweise geht es in Berlin besser. Mittlerweile habe ich mich so sehr angepasst, dass ich mich nicht mehr so verhalte. Ich habe mich eine Zeit lang stärker als Österreicherin gefühlt, das ist jetzt aber schon Vergangenheit. Nur wenn die Leute sagen „Ach, was sprechen Sie für einen reizenden Dialekt, dann ärgere ich mich zutiefst. Es ist kein Dialekt, es ist ein Akzent, ein süddeutscher Akzent, Dialekt ist ganz was anderes. Wir haben zuhause immer hochdeutsch gesprochen, da meine Mutter eine Polin war und Jüdin. Aber natürlich spreche ich auch Wiener Dialekt, den habe ich mir nach 1968 angewöhnt, weil es damals Mode war, so zu sprechen wie das Proletariat.
Sie behaupten, Sie wären nicht integriert, man würde Ihnen das nur nicht anmerken. Wie meinen Sie das?
Ich habe kürzlich gerade in einem Text in der TAZ gelesen, dass eigentlich überhaupt kein Mensch integriert ist. Also, was heißt das? Ich kann das gar nicht fassen. Na ja, ich habe nie in einem Angestelltenverhältnis gearbeitet. Heute ist das ja normal, aber als ich eine junge Frau war, waren die meisten irgendwo angestellt und sind fünf Tage in der Woche arbeiten gegangen. Ich habe drei Monate lang in einer Firma gearbeitet, nach dem Studium, da habe ich festgestellt: Das ertrage ich nicht, das würde mich umbringen. Seitdem habe ich immer frei gearbeitet. In erster Linie, glaube ich, weil ich in der Früh nicht aufstehen kann, aber das ist sicher nicht der einzige Grund. Insofern bin ich nicht in eine Gemeinschaft integriert, im Sinne von Unterordnung und Anpassung. Dann habe ich keine Kinder, war sehr lange nicht verheiratet. Ich habe sozusagen meine Aufgabe als Frau nicht erfüllt. Ich war, nein, bin Feministin, war und bin immer eine Linke gewesen, das alles gehört nicht zum Mainstream. Wenn man sich unter Integration so einen ideellen Gesamtdeutschen vorstellt, dann passe ich da nicht hinein. Das geht vielen so, und ich habe damit auch kein Problem. Als Tochter einer Jüdin und als Tochter von Emigranten habe ich gelernt, am Rande der Gesellschaft zu leben und mich niemals als Teil der Mehrheit zu fühlen. Ich finde es an diesem Rand aber recht angenehm und in Berlin ganz besonders, weil da so viele am Rand leben. Der Rand ist vielleicht größer als die Mitte.
Sie sind eine der Gründerinnen des österreichischen Feminismus. Hier in Deutschland stoßen die Feministinnen, und nicht nur die, im Umgang mit den muslimischen Frauen an ihre Toleranzgrenzen. Kopftuch ja oder nein? Burka ganz verbieten? Die Feministinnen in den westlichen Ländern haben in den letzten Jahrzehnten einiges erreicht. Die Angst, durch eine um-sich-greifende-Islamisierung wieder ins Mittelalter katapultiert zu werden, ist groß. Haben Sie eine Idee, wie wir lernen können, mit dieser Problematik umzugehen?
Ach so, Sie meinen jetzt die Spaltung der Frauenbewegung. Na ja, das war ja nie ein monolithischer Block. Nur in der allerersten Zeit, als es notwendig war, eine gemeinsame Identität zu finden. Die Zeit von „Frauen sind gemeinsam stark“ und „Sisterhood is powerful“ ist vorbei, aber schon damals gab es in der Frauenbewegung Spirituelle, „Bauchfrauen“ und Theoretikerinnen. Ich habe mich nie für die Innensicht meiner Vagina interessiert. Mein Blick ging auf die gesamte Gesellschaft, für mich war der Feminismus eine Theorie, die die gesamten Herrschaftsverhältnisse verändern wollte. Nicht nur die von Männern über Frauen, sondern allgemein. Schon allein wegen meines familiären Hintergrundes war Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein ganz wesentlicher Aspekt meiner feministischen Identität. Was sich jetzt unter den Feministinnen abspielt, allen voran die unvermeidliche Alice Schwarzer, ist einfach grauenhaft. Für mich ist es Rassismus pur und eine völlige Unfähigkeit, sich in Gedankengänge, Lebenssituationen und Gefühle anderer Menschen hinein zu versetzen. Ich habe kein Problem damit, eine ganze Reihe von Argumenten zu finden, warum junge Frauen Kopftücher tragen. Und der Zwang, durch den Vater oder die Community, ist nur ein Aspekt, aber nicht der einzige. Mir ist es eigentlich völlig egal, was die auf dem Kopf haben, bevor ich sie nicht kenne, mit ihnen gesprochen habe, mehr weiß über sie. Ich sehe so viele grauenhaft angezogene junge Frauen, die in einer Weise ihren Körper öffentlich darbieten. Das regt mich eigentlich mehr auf, ja, aber auch das muss ich tolerieren. Und nochmals zu Alice Schwarzer: Das ist ein Unglück für dieses Land und die Debatte, dass es in Deutschland nur eine Person gibt, die den Feminismus repräsentiert. Dadurch wissen wir gar nicht, wie viele verschiedene Stimmen es gibt, die gehen unter. Mir fällt dazu jetzt Birgit Rommelspacher ein, die eine ganz andere Meinung vertritt, aber in den Medien nicht vorkommt. Es ist natürlich einfacher für die Medien, immer nur auf Alice Schwarzer zurück zu greifen. Die hat es nie interessiert, was außerhalb von Deutschland passiert, maximal noch in Frankreich, wo sie längere Zeit gelebt hat. Was es zum Beispiel in Ländern der Dritten Welt für tolle Frauen gibt, die ihren eigenen Weg suchen.
Das ist ein guter Übergang zur nächsten Frage. Sie wurden kurz nach dem 11. September 2001, nach einer Informationsveranstaltung über die Lage in Afghanistan, von der Exil-Afghanin Mariam Notten gefragt, ob Sie mit ihr zusammen deren Familiengeschichte aufschreiben würden. Sie haben das Buch „Ich wählte die Freiheit – Geschichte einer afghanischen Familie“ mit ihr geschrieben. Inwieweit hat das Ihre Sichtweise auf Afghanistan geprägt oder sogar verändert?
Ich wusste damals über Afghanistan wenig, ich hatte lediglich davor im Rahmen des Journalistinnenbundes mit einer Kollegin eine Veranstaltung über Frauen in Afghanistan organisiert, weil ich entsetzt war, was den Frauen unter den Taliban geschieht. Sie fand im Haus der Kulturen der Welt statt, und bis auf ein kleines Grüppchen von der afghanischen Community war der Besuch mager. Vom Journalistinnenbund war eine einzige Frau im Publikum, aber von der Frauenbewegung war keine da. Das hat die offenbar damals nicht interessiert und jetzt lassen sie sich politisch instrumentalisieren. Okay, insofern wusste ich ein bisschen was über Afghanistan, weil ich einige Veranstaltungen darüber besucht hatte. Aber je mehr Mariam mir erzählte, desto größer wurden meine Ohren. Für jemanden, der in diesen geordneten westeuropäischen Verhältnissen aufgewachsen ist, ist ihre Familiengeschichte einfach unfassbar. Ich habe durch diese Zusammenarbeit eine Menge gelernt, natürlich, aber geprägt, ich weiß nicht? Ich habe mich grundsätzlich in meinem Leben nicht so viel verändert, wie so viele andere Menschen. Ich bin vielleicht etwas sanfter geworden, milder, weniger radikal, aber grundsätzlich habe ich immer ein großes Interesse für die Dritte Welt gehabt und für die Frauen in der Dritten Welt. Als ich jung war, da war ja noch die Phase der Entkolonisierung und das ist bei mir so geblieben: ein großer Respekt für das, was Frauen unter unglaublichen Umständen zu leisten in der Lage sind. Das kann man mit unserer bequemen Situation überhaupt nicht vergleichen. Wie oft haben beispielsweise im Iran, wo die Frauen gezwungen sind, den Schleier zu tragen, die Frauen gesagt: „Der Schleier ist nicht das Wesentliche, es gibt andere Dinge, die wesentlicher sind“. Natürlich sind Steinigungen und Ehrenmorde grauenhaft, keine Frage, das muss man nicht diskutieren. Aber das sind einzelne Fälle, wie auch hier Männer ihre Frauen ermorden. Wenn hier ein Mann seine Frau und noch dazu die Kinder erschießt, dann heißt es nicht, das sei ein typisch christliches Verbrechen.
2002 haben Sie in einem Interview die Auffassung vertreten, man könne nicht radikal und gleichzeitig differenziert sein. Wie sehen Sie das heute?
Ja, das stimmt, das habe ich geschrieben. Sie haben sich ja richtig gut eingelesen! Ja, ich denke, es bedarf in der Phase der Selbstfindung einer Bewegung einer Radikalität und einer gewissen Vereinfachung. Dass man klar erkennt, wofür die Bewegung steht. Aber wenn ich an meine eigene Geschichte denke: Ich bin nie so weit gegangen, lesbisch zu sein. Es hieß ja: Feminismus ist die Theorie – Lesbianismus die Praxis. Das hab ich theoretisch auch für richtig gehalten, nur, was soll man machen? Natürlich habe ich herumexperimentiert, das haben wir damals alle, aber es hat nie so richtig gefunkt. Deshalb war ich immer ein rotes Tuch für die Lesbenbewegung – einerseits war ich damals in Österreich politisch sehr radikal und an vorderster Front, und andererseits war ich nicht lesbisch. Meine theoretische Position war die, dass die Männer zwar von ihrer eigenen Machtposition profitieren, aber trotzdem auch einen großen Verlust erleiden, sie also von einer Veränderung der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern auch einen Vorteil hätten. Damals hat mich die Liebe umgetrieben, ich habe darunter gelitten, dass Liebe zwischen Ungleichen eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Damit habe ich meine diversen Freunde auch gequält. Ich wollte Liebe, aber gleichberechtigte Liebe. Radikal war ich trotzdem, in der öffentlichen Wahrnehmung galt ich bei manchen als Schreckgespenst, eine Zeitlang war ich das österreichische Pendant zu Alice Schwarzer in Deutschland. Durch meinen Umzug nach Deutschland habe ich mich aus der aktiven politischen Arbeit verabschiedet. Aber selbst, wenn ich hier dabei geblieben wäre: eine Alice Schwarzer wäre ich nie geworden und deshalb für die Medien nicht so gut benutzbar.
Die derzeitige Integrationsdebatte wird sehr emotional geführt. Beim Stöbern in verschiedenen Blogs stößt man gehäuft auf Beiträge, in denen Menschen aller Bevölkerungsgruppen und politischen Lager ihren Unmut kundtun. Tendenziell zeichnet sich eine zunehmend ausländerfeindliche Haltung ab. Teilen Sie diese Wahrnehmung?
Na ja, ich habe allerdings Probleme mit dem Wort „ausländerfeindlich“. Gerade weil ich Ausländerin bin. Ich würde es als Rassismus bezeichnen, denn es richtet sich ja nicht gegen alle Ausländer. Es richtet sich nicht gegen die Schweizer und auch nicht gegen die Österreicher. Es richtet sich gegen ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen. Als ich nach Berlin kam, waren es die Polen, was sicher mit der deutschen Geschichte zu tun hatte, aber auch damit, dass die Polen bitterarm waren. Die kamen daher, verkauften auf dem Polenmarkt ihre fünf Sachen, kauften sich dann hier Elektronik und waren schlecht angezogen. Aber seit dem Beitritt Polens in die EU und seitdem man weiß, wie fleißig die polnischen Handwerker sind, hat sich die Feindlichkeit verloren. Und die Türken sind doppelt schlecht dran: einerseits sind sie arm und ungebildet, die Mehrheit jedenfalls, aber ich sehe auch mit großer Genugtuung und Freude, dass immer mehr türkische Namen in den Medien erscheinen, in den Bereichen der Kunst, der Medien, der Politik und im Geschäftsleben. Ja, und dann kommt noch der Islam dazu, die Anschläge und der Terrorismus. Das wird dann einfach dem Islam in die Schuhe geschoben, obwohl das eine politische Entwicklung ist, die mit dem Islam selbst nichts zu tun hat. Ich selbst bin absolut areligiös, ich sage zwar, ich bin Jüdin, aber nur aufgrund des kollektiven Verfolgungsschicksals, mehr nicht. Wenn meine Großeltern nicht ermordet worden wären, wenn meine Mutter nicht hätte fliehen müssen, dann hätte niemand in unserer Familie das Wort „Jude“ jemals in den Mund genommen. Das war irrelevant, meine Mutter war Kommunistin. Der Begriff „Jüdin“ ist zwar ein wichtiger Teil meiner Identität, aber es hat nichts mit Religion zu tun. Ich bin sogar verärgert, dass ich mich mit Religion auseinander setzen muss, aber ich nehme es zur Kenntnis, dass die gesellschaftliche Entwicklung in diese Richtung geht. Weil ich nicht religiös bin, kann ich vielleicht so tolerant sein: wenn Menschen meinen, sie müssen beten, dann sollen Sie es tun. Wenn Menschen ein Kopftuch tragen wollen, dann sollen sie es tun.
Frau Fischer, wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch.
























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